© Czappa

Beate Schmidt spielt die Hauptrolle in diesem Beitrag: Sie ließ sich 2013 ihren Oberkiefer umfassend sanieren. Dabei wurde sie mit einer großen Brücke sowie drei Implantaten zur Pfeilervermehrung versorgt. Diese halfen, eine Freiendsituation zu vermeiden, und ermöglichten eine festsitzende Lösung. Allerdings ging ihr Behandler bei der Gestaltung der Brücke nicht auf ihre Wünsche ein. Am Ende entsprachen weder Zahnform noch Zahnstellung ihres Zahnersatzes ihren Vorstellungen (Abb. 1 und 2). Auch Freunde und Kollegen sprachen sie auf ihre „neuen Zähne“ an: Sie bemängelten, dass sie nicht zu ihr passten, und auch das in der Front keramisch angebrannte Zahnfleisch wirkte „irgendwie unecht“ (Abb. 3). All diese Gründe führten dazu, dass Frau Schmidt diese Brücke auf keinen Fall weiter tragen wollte. Sie hatte es satt, sich weitere kritische Bemerkungen gefallen zu lassen.

Die Suche nach dem richtigen Labor

Im Internet suchte sie nach einem versierten Zahntechniker in ihrer Gegend – im nordwestlichen Niedersachsen. Mit ihm wollte sie ihre Vorstellungen diskutieren und eine tragfähige, ästhetisch ansprechende und technisch umsetzbare Lösung finden. Bei ihrer Recherche fiel ihr die Homepage des Meisterlabors m.c. zahntechnik in Oldenburg auf. Dort fand sie Bilder von prothetischen Arbeiten, die sie ansprachen (Abb. 4 und 5). Sie nahm daher Kontakt mit Ztm. Björn Czappa auf, dem Geschäftsführer und Inhaber des Oldenburger Labors, und vereinbarte einen Termin mit ihm, um sich Empfehlungen einzuholen.

Ausgangssituation

Bei Behandlungsbeginn Anfang 2015 trug die Patientin im Oberkiefer eine drei Monate alte Metallkeramikbrücke von 16 bis 28, die aus einer vorherigen Behandlung stammte (Abb. 6). Die natürlichen Zähne 14, 13, 23 sowie Implantate in regio 16, 25 und 28 dienten als Pfeiler. Dadurch wurde eine bilaterale Freiendversorgung also eine abnehmbare Lösung vermieden. Der Unterkiefer wurde zunächst nicht in die Planung mit einbezogen.

Festsitzend – oder doch besser herausnehmbar?

Im Oberkiefer favorisierte die Patientin festsitzenden Ersatz, allerdings lehnten sowohl der Behandler als auch der Zahntechniker dies ab. Die Begründung: festsitzender Zahnersatz mit einer derartigen Ausdehnung lässt sich erfahrungsgemäß nicht einwandfrei sauber halten. Diese Argumentation konnte die Patientin zwar nachvollziehen, allerdings war sie davon überzeugt, dass ihr die Reinigung mit entsprechendem Putzeifer sehr wohl gelingen würde. Man einigte sich aus diesem Grund auf einen Test: Wenn es der Patientin gelingen sollte, die therapeutische Brücke während der geplanten Tragedauer von zunächst einem halben Jahr derart sauber zu halten, wie es für eine lange Lebensdauer von Restbezahnung und Implantaten erforderlich ist, könnte man eine festsitzende Lösung erneut diskutieren.

Eine erste Hygienekontrolle nach sechs Wochen zeigte jedoch, dass es der Patientin trotz großem Putzaufwand nicht gelungen war, alle Teile der Brücke einwandfrei sauber zu halten. Besonders die basalen Bereiche waren nicht in dem Maß zugänglich, wie es für eine effektive Reinigung erforderlich ist. Dieses Ergebnis überzeugte die Patientin, sich herausnehmbar versorgen zu lassen.

Umdenken

Der Weg über eine herausnehmbare Versorgung war für Beate Schmidt neu. Denn mit dieser Option hatte sie sich noch nicht auseinandergesetzt. Bei ihrer erneuten Internetrecherche stieß sie auf einen zahntechnischen Fachartikel. Die dort beschriebene technische Umsetzung eines vergleichbaren Falls sprach sie an. Aus diesem Grund legte sie Björn Czappa diesen Beitrag vor und äußerte den Wunsch, bei der Anfertigung ihres Zahnersatzes ähnlich vorzugehen. Das hohe technische Niveau der beschriebenen Lösung reizte Björn Czappa auf Anhieb, sodass er die Herausforderung gerne annahm. Und schließlich stellte die Patientin eine Bedingung an die Experten: Wenn schon herausnehmbar, dann wenigstens in doppelter Ausführung, weshalb sie die Anfertigung einer Tages- und einer Reiseprothese, forderte, die beide nicht voneinander zu unterscheiden sein sollten. Denn sie wollte niemals in die Verlegenheit kommen, ohne Zähne da zu stehen. Letztendlich einigten sich die Patientin, der Behandler und der Zahntechniker auf eine ausgefallene kombiniert festsitzend-herausnehmbare Teleskop-Versorgung.

Wer A sagt …

Das Aussehen und die Funktion der therapeutischen Oberkieferbrücke bewegten die Patientin dazu, den Unterkiefer doch (anders als ursprünglich geplant) auch in die Behandlung mit einzubeziehen. Die lückige Zahnstellung sowie die gedrehten, gekippten, zum Teil einander überlagernden und großflächig gefüllten Zähne im Unterkiefer passten ihrer Meinung nach nicht zum neu gestalteten Oberkiefer (Abb. 9 bis 11). Aus Sicht des behandelnden Teams brächte eine gleichzeitige Versorgung beider Kiefer neben ästhetischen auch funktionelle Vorteile. Die Entscheidung, den Unterkiefer nun auch zu versorgen, erhöhte zwar die Komplexität des Falls, bot jedoch die Möglichkeit, beide Kiefer ästhetisch und funktionell perfekt aufeinander abzustimmen. Im Unterkiefer waren ausreichend eigene Zähne für eine
festsitzende Versorgung vorhanden, weshalb die Wahl auf vollkeramische Kronen fiel. Nach der Präparation und Abformung des Unterkiefers wurde das Modell hergestellt und eingescannt. Auf Basis der so gewonnenen Scandaten konstruierte Björn Czappa das Langzeitprovisorium als Brücke. Um das Provisorium ästhetisch aufzuwerten, wurde die Unterkieferbrücke aus einer Kunststoffronde mit integriertem natürlichem Farbverlauf herausgefräst.

Mit der therapeutischen Brücke im OK und dem UK-LZP ließen sich die vertikale Dimension und eine sichere Zentrik deutlich besser finden, als mit den unversorgten UK-Zähnen, die auch als Ausgangspunkt für die Exkursionsbewegungen dienen (Abb. 13).

Patientin zufrieden

Im Rahmen einer erneuten Kontrolle der Okklusion sah Beate Schmidt zufrieden in den Spiegel. Mehr als drei Jahre waren vergangen, seit sie beschloss, ihren Oberkiefer sanieren zu lassen. Vor bösen Überraschungen war sie dieses Mal sicher: Genau so hatte sie sich ihr Aussehen nach Abschluss der zweiten Behandlung vorgestellt. Ztm. Björn Czappa hatte zugehört und ihre Wünsche ernst genommen. Und da das angestrebte Ergebnis bereits während all der Behandlungsstufen visualisiert werden konnte, wusste sie, wie sie mit ihrem neuen Zahnersatz aussehen würde. Und sie zog noch einen weiteren Vorteil aus der Neuversorgung: Nun gefiel ihr auch ihr Unterkiefer deutlich besser als zuvor.

Nach dem Finalisieren der Tagesprothese duplierte Ztm. Björn Czappa zunächst die fertigen IPS e.max Press-Kronen. Anschließend wiederholt er einfach all die Arbeitsschritte, die auch schon bei der Anfertigung der Tagesprothese notwendig waren (Abb. 74). So erreichte er zwei nahezu identische Oberkieferprothesen. Nach einer Einprobe und letzten Korrekturen finalisierte er die Kopie und nahm sie mit in die Praxis, wo der Behandler die Galvano Sekundärteleskope einklebte und einen letzten Check durchführte (Abb. 75 bis 80).

Eine positive Bilanz

Der beschriebene Fall weist einige Besonderheiten auf, die in dieser Form sicher nicht alltäglich sind. Nur selten kommen Patienten aufgrund einer gelungenen Internetpräsenz ins Labor. Noch seltener kommen sie ohne „Umweg“ über die Zahnarztpraxis ins Labor.
Ausgesprochen rar sind Fälle, bei denen Patienten derart aktiv an der Behandlung mitwirken und mit ihrem Zahntechniker vorab eine Ideallösung erarbeiten, bei deren Umsetzung der Behandler auf Augenhöhe mit dem Zahntechniker zur Lösung beiträgt. Und fast nie können Zahntechniker materialtechnisch derart aus dem Vollen schöpfen und unabhängig von jeder BEL oder BEB etwas Besonderes schaffen.

Anspruchsvolle Arbeiten wie die hier vorgestellte (Abb. 81 bis 83) erfordern ein sehr hohes Maß an Kompetenz in Bezug auf die Kommunikation mit dem Patienten und bei der Planung von Zahnersatz. Unabdingbar ist auch absolute Sicherheit im Umgang mit den eingesetzten Materialien und eine gewissenhafte Recherchearbeit. Der höhere Aufwand bei der Beratung und Fertigung einer Ausnahmeprothese wie der gezeigten macht sich mehr als bezahlt. Versierte Zahntechniker können mit exzellentem Zahnersatz wie diesem ihr Leistungsangebot nach oben hin ergänzen. Neben Good – Better – Best können sie so ihrem Portfolio eine Top-Kategorie hinzufügen: Exklusiv. Wo bisher eine „herkömmliche“ Teleskopprothese eingesetzt wurde, kann nun eine Lösung angeboten werden, die – bis auf die Tatsache, dass sie herausnehmbar ist – der bestmöglichen festsitzenden Lösung an Exklusivität überlegen ist.

Den gesamten Fallbericht mit allen Abbildungen (dental dialogue 3/2017, S. 66-86) können Sie hier downloaden:

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Björn Czappa schloss 1982 seine Ausbildung zum Zahntechniker ab. 1991 gründete er sein eigenes Labor in Oldenburg/Niedersachsen. 1995 legte er in Halle seine Meisterprüfung als Jahrgangsbester ab. Björn Czappa gibt Kurse und hält Referate auf den Gebieten individuelle Schichttechnik, Vollkeramik, Frontzahnästhetik und Implantatprothetik. Im Jahr 2006 beendete er erfolgreich die Ausbildung zum Dentalästhetiker.

 

Andreas H. Raßloff studierte nach dem Abitur von 1983 bis 1988 Zahnmedizin an der Medizinischen
Hochschule Hannover (MHH). Von 1989 bis 1990 war Andreas H. Raßloff Stabsarzt an der Hindenburgkaserne in Oldenburg. Im Jahr 1990 folgte eine Aus- und Weiterbildung in zahnärztlichen Praxen in Oldenburg sowie Rastede und 1992 die Gründung einer Zahnarztpraxis in Oldenburg.

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