© Siegele

Festsitzend oder abnehmbar? Zirkonoxid oder Komposit? Individuell oder konfektioniert? Bevor ein zahnloser Kiefer implantatprothetisch versorgt wird, sind viele Entscheidungen zu treffen. Für die Versorgung des Oberkiefers werden die positiven Eigenschaften einer Prettau Bridge von Zirkonzahn mit den Vorzügen der cara YantaLoc-Lokatoren von Heraeus Kulzer vereint. Für die Versorgung des Unterkiefers wurde eine hochwertige Komposit-Prothese angefertigt. In beiden Fällen dienten Zirkonoxid-Halteelemente mit Locator-Funktion als Retentionselemente.

Der 56-jährige Patient konsultierte die Praxis mit einem geringen Restzahnbestand im Ober- sowie Unterkiefer und wünschte sich eine möglichst festsitzende ästhetische Restauration (Abb. 1a). Die Zähne 13, 23 sowie 34 und 44 waren aufgrund des hohen Lockerungsgrades nicht als Halteelemente geeignet und mussten daher extrahiert werden. Die Zähne 33 und 43 bedurften einer endodontischen Behandlung und sollten danach so präpariert werden, dass Wurzelkappen die Verankerung des Zahnersatzes unterstützen. Nach zahnärztlicher Anamnese und Diagnostik wurde dem Patienten eine implantatprothetische Therapie aufgezeigt. Im Oberkiefer wurden zur Verankerung des Zahnersatzes sechs Implantate und im Unterkiefer zwei Implantate inseriert (Abb. 1b).

Zahnersatz altersgerecht gestalten

Für die Suprakonstruktion schlugen wir dem Patienten eine abnehmbare – und dennoch festsitzende – Versorgung vor. Der Patient willigte in den Behandlungsplan ein. Er wies ausdrücklich darauf hin, dass sein neuer Zahnersatz altersgerecht gestaltet werden sollte. Für uns bedeutete dies, dass wir bei der Gestaltung der Zähne und Zahnfleischanteile auf eine individuelle Charakterisierung achten sollten. Mit rein konfektionierten Zähnen wäre keine zufriedenstellende Lösung möglich.

Um die ästhetischen Ansprüche realisieren zu können, entschieden wir uns dazu, für den Oberkiefer eine Suprakonstruktion aus Prettau Zirkon herzustellen. Bei diesem Konzept können wir unsere handwerkliche Leidenschaft mit den Vorteilen der CAD/CAM-Technik kombinieren. Denn diese sorgt dafür, dass wir eine hochästhetische Restauration auf effizientem Weg fertigen können. Um den physiologischen Kaubelastungen gerecht zu werden, sollte der Zahnersatz im Unterkiefer in Kunststoff umgesetzt werden.

Die Verankerungselemente

Nach der Osseointegration der sechs Implantate im Oberkiefer (Camlog 3,8 mm) sowie der beiden Implantate in regio 44 und 34 (Camlog 3,8 mm) wurden dem Behandlungsplan entsprechend die Zähne 33 und 43 für die Aufnahme von Wurzelkappen vorbereitet. Es erfolgte eine Überabformung im Ober- und im Unterkiefer (Abb. 2 und 3). Um eine möglichst hohe Präzision zu erhalten, sollte das Unterkiefermodell im Bereich der Wurzelstifte galvanisch versilbert werden; dies ist ein bewährtes Vorgehen, das in Österreich oft angewandt wird.

Auf die zu beschichtende Oberfläche wurde hierzu ein leitfähiger Silberlack dünn aufgetragen, eine Katode angebracht und die Abformung in diesem Bereich mit Kunststoff aufgefüllt (vgl. Abb. 2). Das elektrochemische Aufbringen der Silberschicht erfolgte im Galvanogerät. Danach konnte die Abformung auf herkömmliche Art mit Gips ausgegossen werden. Im Bereich der Wurzelstifte können auf diese Art und Weise alle Feinheiten der Abformung detailgetreu und zeichnungsscharf auf dem Meistermodell wiedergegeben werden (Abb. 4). Auch die Oberkieferabformung wurde nach dem Einbringen der Laboranalogen mit einer Zahnfleischmaske versehen und mit Gips ausgegossen.

Fazit

Auf dargestelltem Weg konnte ein „festsitzender“ abnehmbarer Zahnersatz angefertigt werden, der allen Anforderungen an die optimale Hygienefähigkeit gerecht wird. Der Patient kann die auf Lokatoren gelagerte vollkeramische Oberkieferbrücke ebenso einfach herausnehmen wie die Unterkieferprothese. Damit wird gegenüber zementierten oder verschraubten Suprakonstruktionen eine deutlich verbesserte Reinigungsfähigkeit gewährt. Die Lokatoren aus Zirkonoxid sind gingivafreundlich; Plaque-Ablagerungen sind auf der hochglatten Oberfläche kaum zu erwarten. Auch die gewünschte altersgerechte Gestaltung des Zahnersatzes haben wir realisieren können, was uns der Patient dankte. Der eingegliederte Zahnersatz wirkt natürlich und fügt sich äußerst unauffällig in sein Gesicht ein. Die Prettau Bridge präsentiert sich mit einem lebendigen, internen Farbspiel, sodass kaum ein Unterschied zu natürlichen Zähnen wahrnehmbar ist. Da der Zahnersatz im Unterkiefer aus Kunststoff gefertigt wurde, konnte insgesamt ein hoher Tragekomfort mit physiologischen Kaueigenschaften erreicht werden.

Nichts muss so sein, nur weil es immer so gewesen ist. Mit den heutigen zahntechnischen Möglichkeiten können wir die von uns favorisierten Material- und Technologiekonzepte geschickt miteinander verknüpfen. Manchmal bedarf es etwas Mut und einiger Überlegungen, um neue Wege zu gehen. In diesem Fall konnten wir dem Patienten alle Vorteile einer herausnehmbaren Versorgung bieten, ohne auf die fantastischen Eigenschaften eines modernen Materials wie Zirkonoxid verzichten zu müssen.

Teamwork: Die Umsetzung solcher Patientenarbeiten ist grundsätzlich nur in einem engen Zusammenspiel zwischen dem Labor und der Praxis möglich. Seit vielen Jahren arbeiten wir eng und gut mit Dr. Thomas Jehle zusammen, der auch in diesem Fall der behandelnde
Zahnarzt war.

 
 

Ztm. Otmar Siegele beendete seine Ausbildung zum Zahntechniker 1983. Im Jahr 1988 absolvierte er die Meisterschule in Baden (bei Wien) und ließ sich ein Jahr später in einem eigenen Dentallabor nieder. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Vollkeramik und die Implantatprothetik.

Dr. Thomas Jehle studierte Zahnmedizin an der Universität Innsbruck und ist seit 2006 in eigener Zahnarztpraxis tätig. Mit Fortbildungen des Curriculum Implantologie der DGI vertiefte er seinen Praxisschwerpunkt in Richtung Implantologie. Im Jahr 2012 hat er zusammen mit Siegele das Projekt „YantaLoc“ (Heraeus Kulzer) initiiert.

Den gesamten Fallbericht (dental dialogue 3/2016, S. 92-106) können Sie hier herunterladen:

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Siegele bei colloquium dental

Einer der Autoren dieses Beitrags, Zahntechnikermeister Otmar Siegele, wird als Referent bei colloquium dental, dem Zahntechnik-Highlight 2017 auf der Bühne stehen und dort von dem von ihm und Dr. Thomas Jehle initiierten Projekt YantaLoc, dem Problemlöser bei Implantat-Divergenzen, berichten.

Weitere Informationen zum Kongress am 15. und 16. September 2017 in Nürnberg erhalten Sie unter www.teamwork-media.de.

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