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Adrenalinzusatz ja oder nein – nach welchen Kriterien treffen Sie den Therapieentscheid?
Kämmerer: Es konnte in vergangenen Studien gezeigt werden, dass unter Verwendung von 4%igem Articain – einem sehr sicheren und wenig toxischen Arzneimittel – das Eintreten von systemischen Komplikationen hauptsächlich aus dem Adrenalinzusatz resultiert. Somit gilt es, die geplante Behandlung prospektiv anhand ihrer zu erwartenden Dauer und Schmerzhaftigkeit sowie ihrer Lokalisation zu bewerten und dann, je nach verwendeter Technik, unterschiedliche Adrenalinzusätze anzuwenden. So ist generell die Dauer der Anästhesie unter Verwendung hoher Adrenalinzusätze oft unverhältnismäßig länger als die eigentliche zahnärztliche Behandlung. Allerdings muss immer darauf geachtet werden, dass der Eingriff auch wirklich schmerzlos bleibt, um der endogenen Ausschüttung von Adrenalin bei Schmerzreizen entgegenzuwirken.

Was kann schiefgehen?
Kämmerer: Zu viel Adrenalin kann, wie bereits erwähnt, die Dauer der Betäubung unverhältnismäßig erhöhen. Das führt unter anderem, insbesondere bei Patienten mit geringer Compliance, zu einer Erhöhung der Selbstverletzungsrate. Aber mal ehrlich, wer will schon Stunden nach der eigentlichen Behandlung immer noch mit einem tauben Mund herumlaufen? Zu den potenziellen Komplikationen des Adrenalins gehören neben dem generellen Unwohlsein (z. B. mit Kopfschmerzen, Erblassen, Schwitzen, aber auch mit grippeähnlichen Symptomen) kardiovaskuläre Probleme, aber auch ischämische Ereignisse. Des Weiteren kann es zu Tremor, Mydriasis, Hyper- und Hypoglykämie sowie zu einer Potenzierung von medikamenteninduzierten Nebenwirkungen kommen. Sollte zu wenig Adrenalin eingesetzt werden, ist es, je nach der eingesetzten Technik, möglich, dass die Wirkung zu kurz oder – insbesondere bei der Infiltrationsanästhesie – unzureichend ist.

Worauf muss der Behandler in diesem Zusammenhang im Aufklärungsgespräch achten?
Kämmerer: Im Aufklärungsgespräch sollten bereits Patienten mit einem Risiko für den Einsatz von Adrenalin bei der zahnärztlichen Lokalanästhesie herausgefiltert werden. Relative Kontraindikationen (dann vor allem vorsichtige Anwendung adrenalinreduzierter Lösungen) bestehen bei koronarer Herzkrankheit, Hypertonie, Glaukom, Schwangerschaft, Asthma bronchiale und Diabetes mellitus. Absolute Kontraindikationen (dann Verzicht auf Adrenalin) sind tachykarde Rhythmusstörungen, unkontrollierte Schilddrüsenüberfunktionen, eine Allergie auf Sulfit sowie pathologisch erhöhte Adrenalinspiegel.

Lesen Sie das Interview in voller Länge in der angefügten pdf-Datei
(DENTAL MAGAZIN 06/2017, S. 32-35):

 

PD Dr. Dr. W. Peer Kämmerer, M.A. ist Stellvertretender Klinikdirektor der Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie an der Universitätsmedizin Rostock. Zu seinen Schwerpunkten zählen unter anderem die zahnärztliche Lokalanästhesie, die Tumorbiologie und Tumorprävention sowie Biomaterialien. Kämmerer studierte Zahnmedizin in Frankfurt a. M. und in Mainz.
peer.kaemmerer@med.uni-rostock.de

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mm
Redakteurin Medizin Zahnmedizin im Deutschen Ärzteverlag, Schwerpunkte: Implantologie, Parodontologie, Endodontologie, digitale Zahnheilkunde.