Nobel Biocare rückt die Sofortimplantation und -versorgung mehr und mehr in den Fokus. Das Protokoll ist nicht einfach. Worauf kommt es an?
Holst: Die Sofortversorgung dentaler Implantate mit provisorischem Zahnersatz ist nicht neu für Nobel Biocare. Im Gegenteil: Nobel Biocare leistet schon seit vielen Jahren mit entsprechenden Produktentwicklungen, wie mit den Implantatlinien NobelSpeedy, NobelActive oder NobelParallel CC, Pionierarbeit für diese Art von Behandlungsprotokollen. All unsere modernen Implantatsysteme wurden mit dem Ziel entwickelt, eine adäquate Primärstabilität kombiniert mit schneller und sicherer Osseointegration sowohl in Extraktionsalveolen als auch in weichem Knochen zu erreichen. Diese Konzepte basieren auf sehr guten klinischen Resultaten diverser klinischer Studien mit bis zu zehn Jahren Nachuntersuchungszeit. Der Grund, weshalb wir uns in diesen Bereich vorgewagt haben, war, dem Patientenbedürfnis nach einer kürzeren Behandlungszeit bei Implantatversorgungen zu entsprechen.

Prof. Dr. Paulo Malo, Lissabon, Erfinder des All-on-4-Konzepts

Was ist das Entscheidende?

Holst: Natürlich muss jeder Fall individuell betrachtet werden, und es müssen gewisse klinische Anforderungen erfüllt sein, um eine Sofortversorgung in Betracht zu ziehen. Darüber hinaus hängt das Ergebnis nicht allein von den Produkteigenschaften, wie Oberfläche und Makrodesign des Implantats, sondern auch von den Fähigkeiten und dem Erfahrungsniveau des Chirurgen ab. Aus diesem Grund bietet Nobel Biocare eines der umfassendsten Schulungs- und Fortbildungsprogramme unter den Implantatfirmen an. Wir wissen heute, dass die firmeneigene und dokumentierte TiUnite Oberfläche von Nobel Biocare einer der Schlüsselfaktoren für sehr hohe Erfolgsraten ist, da die moderate Rauheit der Oberfläche in Kombination mit den chemischen Eigenschaften dieser einzigartigen Oberfläche eine schnelle Zellansiedelung während der frühen Einheilphase unterstützt.

Es wird zurzeit wieder verstärkt über maschinierte Implantatoberflächen diskutiert. Wie erklären Sie sich das?
Holst: Die Literatur befürwortet die Wirksamkeit von mäßig/moderat rauen Oberflächen; so viel wissen wir. Zahnimplantate mit TiUnite Oberfläche wurden in mehr als 430 klinischen Veröffentlichungen – mit über 21 000 Patienten und 82 500 Implantaten – evaluiert. Diese Studien zeigen, dass TiUnite – im Vergleich zu maschinierten Implantaten – die Osseointegration sowie die Verankerung im umgebenden Knochen verbessert. Dies ist nicht nur meine Meinung, sondern auch die vieler Kollegen, Behandler und Wissenschaftler. Leider wird aber immer wieder ein „Bedarf“ an maschinierten Implantaten von Meinungsbildnern mit eigenen kommerziellen Interessen propagiert.

Man argumentiert, auch mäßig raue Oberflächen förderten das Periimplantitisrisiko …
Holst: Dafür gibt es viele gegenteilige Belege. Im Rahmen des letztjährigen industrieunabhängigen Konsensusberichts, der von einem Team von 17 Wissenschaftlern unter der Leitung von Prof. Tomas Albrektsson, Hugo De Bruyn, Markus Schlee und anderen angefertigt wurde, ging es genau darum, die Fakten zum Thema Periimplantitis zu klären. Der Bericht hob ausdrücklich hervor, dass es keine veröffentlichten klinischen Belege dafür gibt, dass moderne, mäßig raue Implantate eine höhere Periimplantitisrate aufweisen als ältere vollmaschinierte oder plasmabesprühte Implantate. Es gibt hingegen immer mehr Belege dafür, dass andere patientenbezogene Faktoren, wie bestimmte Erkrankungen, frühere parodontale Erkrankungen oder Rauchen, ursächlich für periimplantäre Komplikationen sein können.

Dr. Kenji Higuchi
entwickelte das Trefoil-Konzept, eine kostengünstige festverschraubte Versorgung für zahnlose Unterkiefer.

Zurück zur Sofortversorgung. Wann raten Sie eher davon ab?
Holst: Die Sofortbelastung kann bei vielen Behandlungsszenarien, von der Versorgung eines Einzelzahns bis hin zur Versorgung eines vollständigen Zahnbogens, in Betracht gezogen werden. Eine angemessene Planung, die ordnungsgemäße Präparation und Positionierung des Implantatbetts sowie eine initiale Primärstabilität sind wichtige Voraussetzungen für die Sofortversorgung. Wenn die gewünschte Stabilität nicht erreicht wird, stellt die verzögerte Belastung selbstverständlich eine ebenso gute und höchst vorhersagbare Alternative dar. Im Molarenbereich ist mit besonders großer Vorsicht vorzugehen, da sich die dort herrschenden Kaukräfte nachteilig auf die frühe Einheilphase auswirken können. Ich bin davon überzeugt, dass die Sofortinsertion und Sofortversorgung von Implantaten in absehbarer Zeit der Standard für einen Großteil der klinischen Indikationen sein wird.

Das All-on-4-Konzept, vor mehr als zehn Jahren entwickelt, ist ein Sofortversorgungskonzept für den komplett zahnlosen Kiefer. Warum setzt es sich in Deutschland so langsam durch? Schrecken die hohen Kosten mit bis zu 25.000 Euro pro Kiefer ab?
Holst: Die Art und Weise, wie ein Produkt oder eine Lösung aufgenommen wird, wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst, und die Kosten gehören sicherlich dazu. Es hat sich gezeigt, dass das Original-All-on-4-Behandlungskonzept mit Nobel Biocare Komponenten, das für anspruchsvolle Situationen entwickelt wurde, eine positive Wirkung auf die Lebensqualität von Patienten hat. Es ist als augmentationsfreie Lösung zu verstehen, wodurch nicht nur Behandlungszeit und Mate‧rialkosten eingespart werden, sondern eine angenehmere Erfahrung für den Patienten mit geringeren Schmerzen und weniger Besuchen erreicht wird. Diese Vorzüge haben in den USA und in vielen anderen Märkten dazu geführt, dass das All-on-4-Behandlungskonzept dort eine gängige Behandlungsmethode für zahnlose Patienten und Patienten mit nicht erhaltungswürdiger Restbezahnung geworden ist. Viele Patienten haben nicht nur bereits von dem All-on-4-Behandlungskonzept gehört, sie fragen ihren Behandler sogar aktiv danach. Ich bin davon überzeugt, dass sich ein ähnlicher Trend in absehbarer Zeit in Deutschland zeigen wird, wenngleich ich zur Vorsicht rate, wenn es darum geht, dieses Verfahren mit irgendeinem Implantatsystem durchzuführen, da bestimmte Designeigenschaften unerlässlich zum Erreichen langfristiger hoher klinischer Erfolgsraten sind.

Lesen Sie das Interview in voller Länge in der angefügten pdf-Datei
(DENTAL MAGAZIN 6/2017, S. 36-43):

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Prof. Dr. Stefan Holst
ist seit 2013 bei Nobel Biocare, bis 2015 war er Globaler Leiter Forschung, Wissenschaft und regulatorische Angelegenheiten, seit 2016 ist er Vice President Implantatsysteme und Forschung.

 

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Redakteurin Medizin Zahnmedizin im Deutschen Ärzteverlag, Schwerpunkte: Implantologie, Parodontologie, Endodontologie, digitale Zahnheilkunde.