© Schunk/D

Die vorliegende Studie untersucht mithilfe eines „split-mouth“-Modells den parodontalen Langzeiterfolg zweier rekonstruktiv-parodontalchirurgischen Therapiemethoden im Vergleich untereinander und zur unbehandelt kontralateralen Seite. Hierzu erfolgten Nachuntersuchungen bei 47 Patienten (9 Prozent Raucher) an insgesamt 128 Lokalisationen im Alter von 36 – 73 Jahren (15 männlich, 32 weiblich). Bei allen Patiente wurde ein rekonstruktiv-parodontalchirurgischer Eingriff (GA = Gingiva-Augmentation) zur Rezessionsbehandlung vor 18 – 35 Jahren durchgeführt. Einschlusskriterium war eine prätherapeutische Parodontitisfreiheit, ein Mindestalter von 18 Jahren, sowie ein Rückgang der befestigten Gingiva mit vorhandener Rezessionen an mindestens einem Zahn aus beiden Kieferhälften. Ausgeschlossen wurden Patienten mit nicht erkennbarer Schmelz-Zementgrenze und nicht-zervikal lokalisierten kariösen Läsionen. Außerdem zählten vorhandene Zahnkronen und Restaurationen, sowie solche unter oder nach kieferorthopädischer Behandlung zu den Ausschlusskriterien. Erhoben wurden patientenbezogene Informationen wie Alter, Geschlecht und Tabakkonsum.

Zustand, Position (OK oder UK) und Typ des untersuchten Zahns, der Rezessionsgrad (Rec = recession), das Keratinisierungsausmaß und die Taschentiefe (PD = probing depth) wurden bei jedem follow-up ermittelt. Die Untersuchungs-/Nachuntersuchungszeitpunkte waren jeweils vor (T0), ein Jahr (T1), 10 – 27 (T2) und 18 – 35 Jahre (T3) nach der Behandlung. Hiervon wurde bei 64 Lokalisationen eine GA mit je n=47 submarginalen und n=17 marginalen Schleimhauttransplantationen durchgeführt. In Fällen mit dünnem Gingiva-Typ wurde die koronare Grenze des Schleimhauttransplantats auf selber Höhe wie die zuvor entfernte Gingiva positioniert (Marginal Free Gingival Graft = MFGG). Im Falle kräftiger Gingiva erfolgte eine submarginale Transplantat-Positionierung ohne Resektion der fixierten Gingiva (Submarginal Free Gingiva Graft = SMFGG). Vierundsechzig unbehandelte kontralaterale Seiten dienten als Vergleich. Mithilfe eines Fragebogens wurde das subjektive Patientenempfinden vor, während und nach Abschluss der Behandlung ermittelt. Beurteilungsparameter hierbei war eine zahnbezogene Hypersensitivität in Zusammenhang mit der täglichen Zahnreinigung.

Ergebnisse und Konklusion

Insgesamt erfolgte eine Gingiva-Augmentation an 64 Lokalisationen (n=14 im Oberkiefer und n=50 im Unterkiefer), wobei davon 47 Fälle mithilfe eines Submarginal Free Gingiva Graft (SMFGG) und 17 Fälle durch Marginal Free Gingival Graft (MFGG) chirurgisch behandelt wurden. Vierundsechzig Lokalisationen dienten als unbehandelte Vergleichsgruppe. Am Ende des Beobachtungszeitraums (T3) zeigte sich bei 53 von 64 behandelten Lokalisationen (83 Prozent) ein Rückgang der Rezession. Dahingegen kam es bei 30 unbehandelten Lokalisationen (48 Prozent) zu einer Rezessions-Zunahme. Im Vergleich lag hierbei der Zahnfleischrand nach chirurgischer Intervention im Durchschnitt 1,7mm weiter koronar (P<0.001) und das Keratinisierungsausmaß im Mittel um 3,3mm über dem der unbehandelten Seite. Im Vergleich zu T1 zeigte sich das Keratinisierungsausmaß im Fall der chirurgischen Intervention zum Zeitpunkt T3 als unverändert (4,1mm, P<0.001). Bezüglich des subjektiven Patientenempfindens einer zahnbezogenen Hypersensitivität, gaben 39 Patienten (83 Prozent) ein positiveres Gefühl auf der behandelten Seite an, wohingegen nur acht Patienten (13 Prozent) keinen signifikanten Unterschied feststellen konnten.

Folgerung für den Praktiker

Die vorliegende Langzeitstudie konnte anhand einer Keratinisierungs-Zunahme, sowie einem Rezessions-Rückgang die Vorteile der Anwendung rekonstruktiv-parodontalchirurgischer Gingiva-Augmentationsverfahren (FGG), im Sinne einer präventiven Therapie der drohenden Parodontitis, demonstrieren. Bemerkenswert ist dabei insbesondere der Niveau-stabile Halt der augmentiert und koronar inserierenden Gingiva nach bis zu 35 Jahren. Auch eine als geringer empfundene zahnbezogene Hypersensitivität und im Komfort verbesserte Sensation bei der Zahnreinigung ist hervorzuheben. Demgegenüber zeigte ein konservatives Vorgehen ohne Intervention ein uneinheitliches Keratinisierungslevel, mit einem teilweise neuem Auftreten oder einer Zunahme bereits vorher bestehender Rezessionen. Zusammengefasst stellt das rekonstruktiv-parodontalchirurgische Vorgehen im Sinne einer Gingiva-Augmentation (SMFGG und MFGG), insbesondere in frühen Phasen der Entstehung einer Parodontitis, eine empfehlenswerte Therapieoption im Rahmen des Weichgewebemanagements dar. Einschränkend muss jedoch der experimentelle Charakter der vorliegenden Studienergebnisse erwähnt werden. Wobei die Studienteilnehmer eine überdurchschnittliche Compliance aufwiesen und die Behandlung und Untersuchung einzig an nicht vorbehandelten sowie ausschließlich natürlichen Zähnen durchgeführt wurde.

Orginalpublikation // Parodontale Situation in Bereichen nach gingivaler Augmentations-Chirurgie, verglichen mit homolog unbehandelten Kontralateralseiten: Eine Langzeitstudie über 18-35 Jahre. // Periodontal Conditions of Sites Treated With Gingival Augmentation Surgery Compared With Untreated Contralateral Homologous Sites: An 18- to 35-Year Long-Term Study // G. Agudio et al. J Periodontol. 2016 Dec;87(12):1371-1378. Epub 2016 Aug 13//

Die komplette Studie finden Sie hier.

Artikelempfehlungen

Teilen:
#
PD Dr. Dr. Peer W. Kämmerer
PD Dr. Dr. Peer W. Kämmerer, MA, FEBOMFS, Oberärztlicher Leiter zahnärztlich-chirurgische Poliklinik und Oberarzt Klinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie, Universitätsmedizin Rostock, Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Fachzahnarzt für Oralchirurgie, Zusatzbezeichnung: Plastische Chirurgie, Master of Arts Management von Gesundheits- und Sozialeinrichtungen, Fellow of the European Board of Oro-Maxillo-Facial Surgery, Spezielle Schmerztherapie im Kopf-/Hals-Bereich, Tätigkeitsschwerpunkt Implantologie.
Dr. Daniel Thiem
Dr. Daniel Thiem arbeitet als Assistenzarzt an der Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und plastische Gesichtschirurgie.