Die Testgruppe umfasste 47 systemisch gesunde Patienten ohne aktive Parodontitis, welche an insgesamt 64 Stellen nicht über befestigte Gingiva verfügten und Rezessionen (gingival recession – GR) vorlagen. Diese wurden chirurgisch mittels marginalen oder submarginalen freien Gingivatransplantaten (gingival augmentation procedures – GAP) therapiert. 64 kontralateral gelegene Regionen, mit oder ohne GR, jedoch mit befestigter Gingiva, bildeten die Kontrollgruppe. Follow-Ups erfolgten alle vier bis sechs Monate über einen Zeitraum von 18 bis 35 Jahren, wobei folgende Parameter dokumentiert wurden:  GR-Ausdehnung, Breite der keratinisierten Gingiva (keratinized tissue – KT) und Sondierungstiefe (probing depth – PD). Die Auswertung erfolgte mittels Mehrebenenanalyse und Regressionsmodellen.

Ergebnisse und Konklusion

Nach 18 bis 35 Jahren zeigten sich bei 84 % der operierten Gebiete ein Rückgang an GR, wobei bei 48 % der Kontrollgruppe Fortschritte zu verzeichnen waren. Im Vergleich fand man in der Studiengruppe einen um 1,7 mm (p>0.01) weiter koronal gelegenen Gingivasaum und eine 3,3 mm (p>0.001) breitere keratinisierte Schleimhaut. Ebenso blieb die Situation der befestigten Schleimhaut ein Jahr post OP bis zum letzten Follow-Up (18 bis 35 Jahre) konstant.  Als Nebenbeobachtung konnte laut Autoren kein Unterschied zwischen den Therapieerfolgen bei marginaler oder submarginaler Gewinnung von Gingivatransplantaten festgestellt werden.

Resümee der Studienautoren: Mittels GAPs werden therapierte Situationen in einer reduzierten GR bis hin zu vollständigen Wurzeldeckungen erreicht. Regionen ohne chirurgische Intervention hingegen tendieren in dem oben genannten Beobachtungszeitraum zu einer Zunahme oder Neuentstehung von GR, so Agudio et al.

Folgerung für den Praktiker

Eine Gingivaaugmentation hat neben dem Ziel der Rezessionsdeckung auch den Vorteil, dass die Breite der befestigten Schleimhaut vergrößert – wenn nicht sogar neu erzeugt wird, welches wiederum die Zahnreinigung für den Patienten erleichtert.  Zwar zeigen Studien, dass eine keratinisierte Gingiva für einen parodontal gesunden Zustand nicht notwendig ist, jedoch wird die Hygienefähigkeit deutlich vereinfacht. Zusätzlich können Hypersensibilitäten durch freiliegende Zahnhälse bekämpft werden. Diese Langzeitstudie verdeutlicht die Zuverlässigkeit dieser Therapiemethode und ermöglicht eine Vorhersagbarkeit des Erfolges des Eingriffs.

Auf der anderen Seite müssen die Einschränkungen dieser Arbeit berücksichtigt werden.  Es handelt sich um eine Single-Center-Studie, welche von erfahrenen Behandlern durchgeführt wurde. Die Patienten zeichnen sich durch Zuverlässigkeit und langjährige Compliance in engmaschigen Recalls aus – in dieser Form schwer umsetzbar. Die Autoren selbst weisen in ihrer Studie auf diese Besonderheiten hin und betonen, dass solche Studienergebnisse nur mit ausgewählten Teilnehmern zu erreichen sind.

Originalpublikation // Agudio G, Cortellini P, Buti J, Pini Prato G // Periodontal Conditions of Sites Treated With Gingival Augmentation Surgery Compared With Untreated Contralateral Homologous Sites: An 18- to 35-Year Long-Term Study // J Periodontol.  2016 Dec //

Die komplette Studie finden Sie hier. 

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Annika Kröger
Annika Kröger hat in Bonn Zahnmedizin studiert und befindet sich derzeit in der Weiterbildung an der Poliklinik für Parodontologie, Zahnerhaltung & Präventive Zahnheilkunde, Universität Bonn. Ihre Promotionsarbeit beschäftigt sich mit dem Mikrobiom periimplantärer Erkrankungen.