Die Zahl der Klagen gegen Zahnärzte steigt überproportional. Für die Gerichte, insbesondere die Richter, seien die Fälle schwer zu verstehen, sagt Fries, selber Vorsitzender Richter am Landgericht Saarbrücken. Das Prozessrisiko Nummer 1 sei dabei die Aufklärungspflichtverletzung.
Durch das Patientenrechtegesetz habe das bestehende Richterrecht nur eine Kodifizierung erlebt, aber keine Haftungsverschärfung. Fries: „Ich halte das gesetzgeberische Ziel des Patientenrechtegesetzes für fragwürdig.“ 

Risikoaufklärung

Fries: „Es ist über sehr viel aufzuklären.“ So gebe es etwa die Aufklärungspflicht über das Risiko der Schädigung des Nervus lingualis: Dazu habe es bereits unterschiedliche Bewertungen durch Gerichte gegeben – etwa Einzelfallentscheidungen durch das OLG Koblenz 5U 496/12, Misserfolg bei Implantation, entschieden durch das OLG Köln, 5 U 60/99, das OLG Düsseldorf 8 U 6/08 und das OLG Brandenburg 12 U 241/07. Fries‘ Tipp: „Weisen Sie immer auf das Risiko hin!“

Insbesondere beim Misserfolgsrisiko für Implantationen sei zu beachten, dass der Patient auch über Misserfolge aufgeklärt werden müsse – insbesondere bei nicht dringenden Indikationen wie Implantaten. Da helfe es auch wenig, wenn ein Gutachter keinen Fehler des Behandlers sehe. Und: Behandlungsalternativen wie vor allem konservative Optionen seien immer zu nennen. Fries: „Die Aufklärung über Alternativen ist essenziell.“

Auch beim Thema Knochenersatzmaterialien müsse immer über verschiedene Materialien aufgeklärt werden – insbesondere, wenn über bovines Material nachgedacht werde.   

Aufklärungsdokumentation

Der ZA sollte schon aus eigenem Beweisinteresse Aufklärung dokumentieren. Fries: Der Prüfungsmaßstab eines Richters lautet: Hat ein mündliches Aufklärungsgespräch zwischen Arzt und Patient stattgefunden und wurde es dokumentiert? Dabei sei die Delegation durchaus möglich – das Gespräch dürfe aber nicht auf nichtärztliches Personal übertragen werden.

Acht Tipps hatte Fries für die Teilnehmer parat:

  • Dokumentieren Sie im eigenen Interesse
  • Der Prüfungsmaßstab lautet: Hat es ein mündliches Aufklärungsgespräch zwischen Arzt und Patient gegeben?
  • Delegation ist möglich, aber nicht an nichtärztliches Personal
  • Formulare können im Einzelfall hilfreich sein
  • Formulare sollte man mit individuellen Zusätzen versehen und atypische (zahnmedizinische) Besonderheiten vermerken
  • Zudem sollten wichtige Besonderheiten vermerkt werden: fremdsprachiger Patient, schwieriger Patient etc.
  • Klären Sie über verschiedene gleichwertige prothetische Versorgungsalternativen auf, die aber verschiedene Belastungen, Risiken und Erfolgschancen bergen.
  • Ist eine konservative Alternative möglich, muss darüber aufgeklärt  und selbiges festgehalten werden (Beispiel: WKB versus Extraktion)

Aufklärungsformulare

Aufklärungsformulare können verwendet werden, sollten aber dringend mit individuellen Notizen (Unterschlängelungen, Zeichnungen) versehen werden: individualisieren, personalisieren und atypische Besonderheiten vermerken (zum Beispiel Bone-splitting angemerkt). Bei fremdsprachlichen Patienten sollte ein Nachweis vorliegen, dass der Patient die Sprache verstanden hat. 

Fries weiter: „Wir brauchen keine Romane vor Gericht.“ Kurz-Dokumentation seien auf jeden Fall besser als keine Dokumentation. Meist „gehen sie gerade noch durch“.

Therapeutische Sicherungsaufklärung

Therapeutische Sicherungsaufklärung bedeutet: Aufklärung über das therapiegerechte eigene Verhalten des Patienten. Die Sicherungsaufklärung soll dem Patienten ein gesundheitsförderndes eigenes Verhalten ermöglichen (etwa körperliche Schonung nach einer Operation) und ihn auch vor Folgen ungesunden Verhaltens warnen. Die Sicherungsaufklärung ist eine therapeutische Pflicht, deren Versäumnis oder Verletzung als grober Behandlungsfehler gewertet wird.

Cave: Wünscht ein Patient sich etwas, das der ZA nicht gut findet, es aber dennoch durchführt, sollte er dringend seine Bedenken gegen diese Therapie dokumentieren. Fries hatte einmal einen Fall zu bearbeiten, in dem der Zahnarzt diese Bedenken zwar angeblich geäußert, sie aber nicht dokumentiert hatte – zum Nachteil des Zahnarztes. Fries: „Wenn Sie die grundlegenden Pfade einer Therapie verlassen, sollten Sie definitiv die Behandlung dokumentieren. Und falls ein Patient bedenkliche Sonderwünsche äußert, sollten Sie das ablehnen. Denn: Umfassende Aufklärung schützt nicht vor Haftung wegen Behandlungsfehler.“

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Bernd Schunk ist als Fachjournalist Leiter der Redaktion Medizin/Zahnmedizin im Deutschen Ärzteverlag.