Chemischer Zahnsubstanzverlust durch die gastroösophageale Refluxkrankheit; dies ist eine von zahlreichen Situationen, die im Tagesseminar besprochen werden.
Chemischer Zahnsubstanzverlust durch die gastroösophageale Refluxkrankheit; dies ist eine von zahlreichen Situationen, die im Tagesseminar besprochen werden.

Prof. Dr. Peter Wetselaar und Dr. Miranda Wetselaar-Glas führen eine private Zahnarztpraxis in Heemstede, Niederlande, die auf Kiefergelenkserkrankungen, orofaziale Schmerzen, zahnärztliche Schlafmedizin und Tooth wear (Zahnabrasion/-attrition oder -erosion) spezialisiert ist. Sie halten Vorträge darüber in den Niederlanden und auf internationaler Ebene. Unser Verlag teamwork media präsentiert die Referenten im Rahmen der „dent up date“-Veranstaltungsreihe am 7. November 2020 in Essen. Im Interview sprechen die beiden Zahnärzte über ihre Erfahrungen und darüber, was die Kursteilnehmer in diesem Seminar erwartet.

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Die Untersuchung von Bruxismus hat in den vergangenen Jahren zunehmend an Interesse gewonnen, wobei Aspekte wie die Ätiologie, der Zusammenhang mit craniomandibulären Dysfunktionen und ihren Folgen für das natürliche Gebiss oder die Zahn­implantate im Mittelpunkt stehen. Welche Erfahrungen haben Sie auf diesem Gebiet?
Prof. Dr. Peter Wetselaar: Unsere Erfahrung ist, dass es einen Zusammenhang zwischen Bruxismus einerseits und Schmerzen oder Störungen im Kausystem andererseits gibt. Auch die negativen Einflüsse auf das Gebiss und die Suprastrukturen auf Implantaten sind nicht zu leugnen. Je nach Form des vorliegenden Bruxismus (Wach- oder Schlafbruxismus) sowie der Ursachen – falls beispielsweise eine Kiefergelenkserkrankung vorliegt – können auch unterschiedliche Beschwerden auftreten.

Was sind die Risikofaktoren für Bruxis­mus? Und können seine Ursachen spezifiziert werden?
Dr. Miranda Wetselaar-Glas: Die Risikofaktoren werden in drei Teile kategorisiert, nämlich psychosoziale Faktoren, biologische Faktoren sowie Stimulan­zien und Arzneimittel. Bei den psychosozialen Faktoren spielen die Persönlichkeit des Patienten, sowie Angst und Stress eine Rolle; biologische Faktoren können gestörter Schlaf und ein unausgeglichenes Dopamin-Serotonin-System sein; bei den Stimulanzien denken wir an Rauchen, Alkohol, Koffein, Drogen und Aufputschmittel sowie Antidepressiva.

Prof. Dr.  Peter Wetselaar und Dr. Miranda Wetselaar-Glas
Prof. Dr.  Peter Wetselaar und Dr. Miranda Wetselaar-Glas

Gibt es komorbide Zustände, die die Prävalenz des Bruxismus erhöhen?
Wetselaar: In der Tat kann der sogenannte sekundäre Bruxismus zum Beispiel auf Erkrankungen wie Epilepsie, Parkinson, Autismus und die Syndrome Down, Huntington und Rett zurückzuführen sein.

Was ist der Unterschied zwischen dem Schlaf- und dem Wachbruxismus?
Wetselaar-Glas: Der Schlafbruxismus ist eine Kaumuskelaktivität während des Schlafs, die als rhythmisch (phasisch) oder nichtrhythmisch (tonisch) charakterisiert wird und keine Bewegungsstörung oder Schlafstörung bei ansonsten gesunden Personen darstellt.
Der Wachbruxismus ist eine Kaumuskelaktivität im Wachzustand, die durch wiederholten oder anhaltenden Zahnkontakt und/oder durch Verspannen oder Stoßen des Unterkiefers charakterisiert ist und bei ansonsten gesunden Personen keine Bewegungsstörung darstellt.
Im Verlauf unseres Seminars werden diese Definitionen und Unterschiede im Detail erläutert.

Gibt es andere orale Parafunktionen im Zusammenhang mit Bruxismus?
Wetselaar: Bei einer Parafunktion ist das Zusammenspiel des Kaumechanismus mit den Muskeln und Gelenken durch Überbelastung oder Anspannung gestört. Es gibt keine Datenlage dazu, aber es wird vermutet, dass es Assozia­tionen zwischen Bruxismus und anderen Habits wie Zungenstoßen oder Lippenbeißen gibt.

Fast 40 Prozent der Kinder zeigen Symptome von Bruxismus. Gibt es einen Unterschied in der Ätiologie und Behandlung von Erwachsenen und Kindern?
Wetselaar-Glas: Es wird angenommen, dass die Ätiologie bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gleich ist. Bei jüngeren Kindern jedoch kann die Unreife des neuromuskulären Kausystems eine Rolle spielen, weshalb höhere Prävalenzzahlen berichtet werden. In Bezug auf die Behandlung bei Kindern gibt es einen anderen Ansatz. Dies erläutern wir im Einzelnen im Verlauf unseres Kurses.

Gibt es Hinweise auf einen Zusammen­hang zwischen Schlafbruxismus und anderen Schlafstörungen?
Wetselaar: In der Tat gibt es Hinweise darauf, dass es Zusammenhänge zwischen Schlafbruxismus und anderen zahnärztlichen Schlafstörungen wie dem ob­struktiven Schlafapnoesyndrom (OSAS), der gastroösophagealen Refluxkrankheit (GERD), Trockenheit im Mund und im Hals-Rachenraum und schlafbezogenen orofazialen Schmerzen gibt. Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass der Schlaf eine Schlüsselrolle dabei spielt. Deshalb werden im Verlauf des Kurses detaillierte Informationen sowohl zu gesundem als auch zu gestörtem Schlaf gegeben.

Wie wird Bruxismus, außer mithilfe von Okklusalschienen, behandelt?
Wetselaar-Glas: Die Therapie ist die sogenannte „Multiple P-Therapy“: ­Pep-talk (Beratunggespräch), Plates (Aufbissschienen), Pills (Medikation), Psychology (Psychologie) und Physio­therapy (Physiotherapie). Im Verlauf des Seminars erläutern wir, wann und wie diese Therapien anzuwenden sind.

Tooth wear tritt bei etwa 97 Prozent der Bevölkerung auf. Was sind die möglichen Ursachen für den nicht­kariesbedingten Verlust von Zahn­hartsubstanz?
Wetselaar: Es kommt eigentlich selten vor, dass Zahnsubstanzverlust nur eine Ursache hat. Der Verlust von gesunder Zahnsubstanz kann als Folge einer Abrasion (durch mechanische Prozesse, Bruxismus), Attrition (durch physiologischen oder pathologischen okklusalen Kontakt der Zähne zueinander) oder Erosion (Demineralisierung der Zähne durch chemische Reaktionen) auftreten. Die Ursachen können intrinsischer oder extrinsischer Natur sein. Da Zahnverschleiss auch ein physiologisches Phänomen ist, ist es nicht überraschend, dass die Prävalenz hoch ist.

Es gibt Hinweise darauf, dass die Prävalenz von Tooth wear zunimmt. Was ist der Grund dafür?
Wetselaar-Glas: In der Tat spricht immer mehr dafür, denn dank guter Gesundheitssysteme, besserer Behandlungen und Impfungen werden die Menschen immer älter. Aufgrund einer immer besseren Kontrolle von Karies und Parodontitis behalten Patienten länger ihr natürliches Gebiss. Hinzu kommt: Die Ernährung in der modernen Gesellschaft ist säurehaltiger und verursacht daher mehr Zahnsub­stanzverlust.

Sie beide halten Vorträge über TMD (Temporo-mandibuläre Dysfunktion) und orofaziale Schmerzen. Beides ist derzeit weit verbreitet. Was sind die Ursachen für diese Symptome?
Wetselaar: Man geht davon aus, dass die Ursachen im Allgemeinen in einem Ungleichgewicht zwischen der Belastbarkeit und der tatsächlichen Belastung liegen. So kann einerseits ein gesundes Kausystem durch Überbelastung schmerzhaft oder dysfunktional werden. Andererseits kann ein anfälliges Kausystem, zum Beispiel aufgrund von Rheuma oder Fibromyalgie, schon bei normalem Gebrauch schmerzhaft oder dysfunktional werden.

Die Funktionsdiagnostik ist ein wichtiger Bereich der Zahnmedizin, der sich in den vergangenen Jahrzehnten rasant entwickelt hat. Welchen Rat würden Sie Ihren Kollegen geben, die sich näher damit beschäftigen wollen?
Wetselaar-Glas: Die Gnathologie ist in der Tat ein spannender Teil der Zahnmedizin, der immer mehr Anwendung findet. In Deutschland hat die Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und Therapie (DGFDT) hervorragende Leitlinien entwickelt, die auf dem neuesten Stand sind. Wir raten unseren Kollegen, diesen Empfehlungen zu folgen und sie in ihr eigenes Behandlungssystem einzubauen.

Sie sind die Referenten der eintägigen dent-up-date-Veranstaltung am 7. November 2020 in Essen. Was erwartet die Teilnehmer dort?
Wetselaar: Wir werden in unserem Seminar nicht nur die neuesten Erkenntnisse präsentieren, sondern vor allem praktische Tipps geben, wie man in der täglichen Praxis mit Bruxismus, zahnärztlichen Schlafstörungen und Tooth wear umgehen kann.

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Dr. Alina Ion
Fachredakteurin bei teamwork media