Magnet als Halteelement für eine implantatgestützte Prothese
Dr. Marco Splittgerber (li.) und Ztm. Ralf Kräher-Grube demonstrierten, wie man vier Magnete in eine Unterkieferprothese einarbeitet

Sowohl die Teilnehmer als auch die Patientin waren überrascht, wie schnell und sicher ein Magnet als Halteelement in eine implantatgestützte Prothese eingear­beitet werden kann.

Implantatversorgungen erhöhen die Lebensqualität. Patientenseitig erfordern sie jedoch konsequente Compliance und im Falle einer herausnehmbaren teil- oder totalprothetischen Versorgung auch Geschicklichkeit in der täglichen Handhabung. Im Alter lässt diese Fähigkeit jedoch oft nach. Gerade deshalb ist es wichtig, eine implantatgestützte Restauration so zu planen, dass diese auch in der Lebensphase 80+, die meist von zunehmender Multimorbidität und manuellen Einschränkungen geprägt ist, gut funktioniert.

Leichte Einarbeitung chairside – „Das ging ja schnell“

Wie schnell und problemlos Magnete in eine implantatgetragene Prothese chairside eingearbeitet werden können, zeigte der behandelnde Zahnarzt Dr. Marco Splittgerber bei einer 60-jährigen zahnlosen Patientin, deren Totalprothese im Laufe der vergangenen Jahre bereits mehrfach gebrochen war. Sie war deshalb von Dr. Splittgerber drei Monate zuvor an Prof. Bormann zur konsiliarischen und chirurgischen Dienstleistung überwiesen worden. Der Patientin wurden vier Implantate im Unterkiefer inseriert. Zudem war sie am Tag der Implantation mit einer rein digital erstellten Prothese, die basale Aussparungen zur Implantatentlastung enthielt, sofortversorgt worden. Die Einheilung erfolgte gedeckt über drei Monate. Anschließend wurden die ­Implantate freigelegt und die ­Magnete mit einem Drehmomentschlüssel (20 Nm) eingedreht.

Magnet im Workshop einarbeiten

Im Rahmen des Workshops galt es nun, die prothetischen Gegenmagnete als Verankerungselemente in die neue Prothese einzuarbeiten. Das geschieht in der Regel chairside. Zunächst wird die Prothese gesäubert, entfettet und konditioniert. Anschließend werden die basalen Aussparungen der Prothesenunterseite mit Luxatemp (DMG) befüllt und die Magnete in situ einpolymerisiert. Dabei assistierte Ralf Kräher-Grube, Zahntechnikermeister und Geschäftsführer im Labor Cuspidus, Hamburg. Dort war auch die neue digitale Prothese hergestellt worden.

Nachdem der Magnet in der Prothese fixiert ist, werden die Positionsmanschetten entfernt und die Prothese wird im Labor final bearbeitet. In weniger als einer Stunde konnte die Patientin die Praxis mit der umgestalteten Prothese verlassen. Ihr Fazit: „Das ging ja schnell – und die Prothese hält hervorragend.“ Auch die Workshopteilnehmer, größtenteils mit Expertise in der Behandlung älterer Patienten, waren angetan von dem einfachen Prozedere.

Magnete: Gut zu wissen

Magnete gibt es bereits seit den 70er-Jahren. Sie bestehen aus einem magnetischen Implantataufbau und einem Gegenmagneten in der Prothese. Dieses Bi-Magnetkonzept schafft ein langes „Anziehungsfeld“ und lässt die Prothese an die richtige Position gleiten. Aufgrund der gestiegenen Nachfrage nach altersgerechtem Zahnersatz werden ­Magnete immer häufiger als Verankerungsalternative zu Locatoren, Stegen, Konuskronen oder Druckknopfverbindungen eingesetzt, denn sie sind ohne Hinterschnitte und damit leicht zu reinigen sowie einfach zu handhaben. Hinzu kommt: Magnete verschleißen nicht, müssen also nicht ständig ausgetauscht werden und sind dank ihrer Titanhülle korrosionssicher. Ungünstige oder unterschiedliche Implantatpositionen können dank unterschiedlicher Formen (konisch, sphärisch und parallel) ausgeglichen werden. Ebenso gut zu wissen: Magnete können problemlos bei Patienten mit Herzschrittmachern und Hörgeräten eingesetzt werden, erzeugen kein Signal bei Sicherheitsschleusen, sind röntgen- sowie CT-kompatibel und autoklavierbar.

Dr. Marco Splittgerber: Magnete verzeihen viel

Im Vergleich mit dem Gesamtspektrum an Herausforderungen in der Implantologie „verzeihen“ magnetretinierte Prothesen relativ viel. Ich sehe bei der Anwendung von ­Locatoren, Kugelköpfen, Steg- oder Teleskopversorgungen deutlich mehr Fehlerquellen für den Behandler. Bei der magnetretinierten Prothese handelt es sich um eine einfache prothetische Versorgung. Sie eignet sich deshalb für die Anwendung bei älteren Patienten, insbesondere der Patientengruppe 80+. Ich bin jedoch zurückhaltend mit Magneten bei Patienten, bei denen absehbar ist, dass sie aufgrund einer bereits bestehenden Allgemeinerkrankung in naher Zukunft eine Magnetresonanztomografie (MRT) benötigen. Denn dabei könnten sich die Magnete „entpolen“, das bedeutet eine Schwächung oder Umkehr des Magnetfelds. Dies wiederum hätte zur Folge, dass man die Magnete entfernen beziehungsweise austauschen müsste.

Magnet als Halteelement für implantatgestützte Prothesen
Prof. Dr. Kai-Hendrik Bormann erläuterte sein chirurgisches Konzept für Alters­patienten: „Hohes Alter an sich ist keine Kontra­indikation für Implantate. Dennoch sollte der Eingriff bei älteren Patienten gut vorbereitet und mittels DVT und einer Anlayse des 3-D-Datensatzes geplant werden.“ Seine älteste Implantatpatientin war bei der Insertion 94 Jahre alt. „Man sollte sich eng mit dem Hausarzt hinsichtlich der bestehenden Medikationen abstimmen. Insbesondere Antikoagulanzien sind ein großes Thema bei betagten Patienten!“

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Natascha Brand