Da dürfte die neue 3Shape-App für patientenspezifische Bewegung doch weiterhelfen, oder? Sie soll ja genau das Erfassen und Anzeigen der tatsächlichen dynamischen Artikulation am Bildschirm ermöglichen.

Schweiger: Sicherlich ein spannendes Projekt, den Prototyp – allerdings nur im Rahmen eines Vortrags – habe ich auch schon gesehen. Wir freuen uns, dass 3Shape und auch andere Hersteller das Problem angehen, und sind gespannt auf das kommende Upgrade.

Herr Dr. Adamzik, Sie haben bereits 2013 den Ganzkieferscan in Angriff genommen. Wie steht es mit der Genauigkeit im Vergleich zur konventionellen Abformung?

Adamzik: Wir messen bei konventionellen Abdrücken Abweichungen von etwa 120 µm, und die unterschreiten wir mit dem Intraoralscanner mit 46–60 µm deutlich. Schwierig wird es zwar, wenn die Pfeiler divergieren. Das ist aber eine Trainingssache. Vor allem bleibt die Dimensionstreue gewahrt. Das ist auch der Grund, weshalb es in der Implantologie so gut funktioniert!

Wie lange brauchen Sie dafür?

Adamzik: Wir benötigen heute für einen Ganzkieferscan mit dem TRIOS 3 mit sechs präparierten Pfeilern drei Minuten. Wir nutzen die Doppelfadentechnik oder lasern erst und legen dann einen ganz dünnen Faden ein, in 0-er- oder 1-er-Größe, da gibt es Spezialfäden. Die Primärfäden werden unterhalb der Präparationsgrenze gesetzt und für den Scan im Sulkus belassen. Dann erkennt der Scanner die Präparationsgrenze genau. Das lässt sich auch überprüfen.

Wie „hart“ muss man trainieren, um dabei gute Ergebnisse zu erzielen?

Adamzik: Ganz einfach ist das nicht, die Lernkurve ist auch individuell unterschiedlich. Ich selbst war nach zehn gescannten Präparationen deutlich schneller als mit konventionellen Methoden. Für Korrekturabdrücke braucht man in der Regel zehn bis zwölf Minuten. Einen Ganzkieferscan mit sechs präparierten Pfeilern schaffe ich heute, wie gesagt, in drei Minuten.

Probleme hat lange Zeit das subgingivale Scannen bereitet. Ist das vom Tisch?

Güth: Was man nicht sieht, wird nicht gescannt, das gilt nach wie vor, wenn wir von aktuellen lichtoptischen Verfahren sprechen. Faden und Retraktionspaste helfen da weiter, wie Dr. Adamzik schon ausführte. Die Retraktionspaste sorgt dafür, das Gebiet trocken zu halten. Das funktioniert ganz gut in Kombination mit der Fadentechnik.

Wie kompliziert ist das beim Scannen?

Güth: Nicht komplizierter als bei der herkömmlichen Abformung. Das sollte jeder Zahnarzt können. Wir müssen auch im Digitalen darauf achten, dass sich die Präparationsgrenze gut darstellt.

Es gibt neue Geräte, die schon auf der IDS vorgestellt wurden: Scanner, die über Ultraschalltechnik verfügen und subgingival noch einfacher scannen sollen …

Güth: Die befinden sich meines Wissens derzeit noch im Entwicklungsstadium. Zudem braucht es dafür ein Scan- oder Ultraschallgel, das appliziert werden muss. Außerdem nimmt der Scan vermutlich viel Zeit in Anspruch und funktioniert meines Wissens auch nicht für den Gesamtkiefer, sondern nur für den Quadranten. Warten wir ab, wie sich das entwickelt. Es wäre natürlich toll, die Dichteunterschiede herauszufinden.

Was sagen Sie, Herr Dr. Adamzik?

Adamzik: Gute Idee, aber leider hat man wieder „einen Löffel im Mund“. Und – wie Dr. Güth schon sagte – es lassen sich nur kleine Bereiche so scannen, maximal ein halber Kiefer. Und es dauert lange, fast zehn Minuten. Zudem stellt sich die Frage, welchen Einfluss Blutungen und das umliegende Gewebe nehmen. Mit dem Scanner und der richtigen Technik lässt sich – wie gesagt – auch subgingival scannen.

Kommen wir zum Thema Weichgewebsscan. Was gibt es da Neues?

Güth: Vor Kurzem habe ich noch gesagt: Einen zahnlosen Kiefer zu scannen ergibt keinen Sinn. Heute sage ich: Es ist durchaus möglich und kann eventuelle Vorteile haben. Allerdings sehe ich noch keine Praxisreife. Für die Totalprothetik ist die Situations- bzw. Funktionsabformung aus meiner Sicht nach wie vor ein Muss. Weichgewebs‧scans halte ich noch für sehr experimentell.

Sie führen Weichgewebsscans in Ihrer Praxis bereits durch, Herr Dr. Adamzik. Wie genau gehen Sie dabei vor?

Adamzik: Ich scanne den zahnlosen Ober- und Unterkiefer. Mit dem TRIOS 3 ist das möglich, die Orientierungsstrukturen reichen aus. Im Oberkiefer scanne ich den Gaumen mit. Dann lasse ich einen Bissschlüssel, einen sogenannten JIG, anfertigen, um die Zuordnung der zahnlosen Kiefer in der richtigen Bisshöhe darzustellen. Anschließend wird die Basis gefräst und die Wachsaufstellung darauf vorgenommen. Vorteil: Aufgrund des Scans werden anders als bei der Funktionsabformung „unter sich gehende Bereiche“ des Kiefers nicht ausgeblockt und die Prothesen haften perfekt.

Sind schleimhautgetragene Totalprothesen denn überhaupt noch gefragt?

Adamzik: Definitiv! In unserer Gelsenkirchener Praxis machen wir aufgrund des sozioökonomischen Hintergrunds der Patienten pro Monat bis zu drei bis vier Totalprothesen.

All das funktioniert perfekt nur mit offenen Systemen. Lange dominierten geschlossene Systeme. Das scheint beendet zu sein …

Wever: Und das ist auch gut so. Ein System muss offen sein. Nur dann lassen sich alle therapeutischen Möglichkeiten nutzen. Ein geschlossenes System braucht kein Mensch.

Güth: Aber es sollte auch bei offenen Systemen vordefinierte Schnittstellen für Standardindikationen geben. Das macht den Workflow für den Behandler einfacher. Schnittstellen selbst zu definieren erfordert schon etwas technisches Know-how.

Herr Fisker, 3Shape bietet ein wirklich offenes System. Zahnärzte und Labors können somit die Vorteile neuer Technologien nutzen – von kostengünstigen Fräslösungen über 3D-Druck bis hin zu neuen Materialien und Implantatprodukten. Aber wie steht es mit der Kompatibilität?

Fisker: Diese Hürde überwindet 3Shape mit dem Programm „Trusted Connections“. Es bedeutet, dass wir eng mit anderen Technologieherstellern kooperieren, um die nahtlose Integration in ihre Produkte sicherzustellen. Die technischen Entwicklungen in diesem Zusammenhang sind äußerst spannend. Angefangen bei kostengünstigen kompakten Fräslösungen über 3D-Drucker bis hin zu neuen Materialien und Implantatprodukten. Manche Systeme sind dafür immer noch zu „geschlossen“.

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mm
Redakteurin Medizin Zahnmedizin im Deutschen Ärzteverlag, Schwerpunkte: Implantologie, Parodontologie, Endodontologie, digitale Zahnheilkunde.