Kommen wir zur Scantechnologie. Scanner erzeugen bekanntlich Punktewolken, die anschließend modifiziert gefiltert und interpretiert werden. Welche Unterschiede gibt es zwischen Software und Algorithmen der einzelnen Systeme?

Güth: Je nachdem, ob es sich um ein konfokales oder um ein auf Triangulation basierendes System handelt, unterscheiden sich die Algorithmen und müssen anders bearbeitet werden. Die Vor- und Nachteile sind allerdings komplex und nur von „Technik‧freaks“ nachzuvollziehen.

Schweiger: Fakt aber ist: Mit Systemen, die nach dem konfokalen Prinzip arbeiten, lässt sich besser in die Kavitäten hinein scannen. Denn der Strahl läuft parallel. Beim Triangulierungsprinzip entstehen eher Verschattungen. Auch der Filteralgorithmus hat einen erheb‧lichen Einfluss auf das Scanergebnis, ebenso wie die Triangulierung zum STL-Datensatz und eine eventuelle polygonale Reduktion.

Was ist für Sie eine sogenannte „Killerapplikation“, also eine Anwendung mit einem handfesten Vorteil gegenüber der herkömmlichen Abformung?

Güth: Der Implantatscan. Wenn es um Einzelzahnimplantate geht, ist die optische Abformung nicht zu toppen. Wir schrauben den Scanbody auf das Implantat und können dann einscannen. Noch einfacher geht es mit dem Münchner Implantatkonzept (siehe Kasten).

Funktioniert das auch mit mehreren Implantaten?

Güth: Auch bei zwei bis drei Implantaten nebeneinander funktioniert das.

Adamzik: Und vorausgesetzt, die Scanbodys sind in der Bibliothek hinterlegt und für das System freigeschaltet, gelingt das Scannen von Scanbodys heute schneller als das Scannen präparierter Zähne. Noch vor zwei Jahren haben viele Implantathersteller die Freischaltung blockiert.

Wever: Richtig, und das war in der Vergangenheit ein echtes Problem. Inzwischen haben sich nicht nur die Scanner, sondern auch die Scanbodies verbessert. Ein Highlight ist für mich die intraoperative Scanmöglichkeit, allerdings nur in ästhetisch nicht so anspruchsvollen Bereichen. Sie erlaubt das Einsetzen der Suprakonstruktion beim Eröffnen nach der Einheilzeit. Je weniger das Implantat durch Schraubkräfte belastet wird, desto vorteilhafter für die Osseointegration.

Herr Dr. Wever, Sie verzichten seit zwei Jahren komplett auf das herkömmliche Abformen. Wie schnell sind Sie heute? Wie steil ist die Lernkurve?

Wever: Wir scannen alle Arten von Zahnersatz und Schienen. Die Zeit für herkömmliche Abdrücke von drei bis vier Minuten lässt sich immer unterbieten. Ich habe jeden Kiefer in zirka einer Minute gescannt. Deutlich schneller werde ich, wenn der herkömm‧liche Abdruck fehlerhaft ist und wiederholt werden muss.

Sie sprechen damit das so genannte Re-Scanning an?

Wever: Genau, die inkorrekte Stelle wird einfach gelöscht und nachgescannt. Selbst Teleskop- und Implantatarbeiten, Modellgussarbeiten und Schienen über den ganzen Kiefer passen perfekt. Ein gutes Tissuemanagement zur Darstellung der Präparationsgrenze war auch früher sehr wichtig und ist beim Scannen unerlässlich, aber machbar.

Nicht nur das Scannen optimiert den Workflow. Welche weiteren Tools bieten sich an?

Güth: Der Scanner liefert den STL-Datensatz, den man mit dem DICOM-Datensatz der radiologischen Bildgebung matcht. Diese Datenbasis dient einer umfassenden Diagnose und Behandlungsplanung. Die Sicherheit wächst, die Implantatposition wird optimiert, wir haben ein perfektes Backwardplanning.

Schweiger: Wichtig dabei ist, dass der Verzug über den gesamten Kiefer nicht zu groß ist, weil man diese Ungenauigkeit in die gesamte Planung einbaut.

Adamzik: Der TRIOS-Scanner misst zudem automatisch die Farbwerte der Zähne und zeichnet diese beim Erstellen einer digitalen Abformung auf. Ein äußerst zeitsparender Schritt; ein zusätzlicher Farbschlüssel erübrigt sich. Die Farbgenauigkeit ist deutlich exakter als bei herkömmlichen Farbschlüsseln. Es werden Achsenabweichungen der präparierten Zähne, unter sich gehende Stellen und der exakte Abstand zwischen präpariertem Zahn und Antagonisten gezeigt. Das unterstützt den Behandler massiv von Beginn an.

Wie verfolgen Ihre Patienten das Scannen?

Adamzik: Wir nutzen Tablets als Patientenmonitore, wir doppeln also das Bild. So können die Patienten das Prozedere Step by Step mit verfolgen. Das kommt super an.

Das wirtschaftliche A und O ist das Delegieren der optischen Abformung. Nach welchem Protokoll gehen Sie vor?

Güth: Noch delegiere ich relativ wenig. Unter zahnärztlicher Aufsicht kann ich mir aber durchaus vorstellen, dass die Stuhlassistenz Situationsscans und Gegenkieferscans durchführt. Allerdings liegt die Verantwortung dafür nach wie vor beim Zahnarzt.

Sie handhaben das etwas anders, Herr Dr. Adamzik, Herr Dr. Wever …

Adamzik: Richtig. Schließlich käme auch niemand auf die Idee, die Röntgenaufnahmen in Eigenregie zu machen. Nicht anders verhält es sich mit dem Scannen. Den Scan zu begutachten – das ist selbstverständlich die Aufgabe des Zahnarztes. Auch den Biss scanne ich grundsätzlich selbst – und zwar erst dann, wenn ich den Ober- und Unterkieferscan überprüft habe.

Wever: Ich habe seit Kurzem eine Scanlounge (siehe Abb. 13) als eigenes Profitcenter eingerichtet. Dort werden alle delegierbaren Scans von meiner Assistenz durchgeführt. Für uns gilt die Regel: Alles, was früher mit Alginat von der Assistenz abgeformt wurde, wird heute auch von der Assistenz gescannt. Vor der Präparation führen meine Mitarbeiterinnen die digitale Abformung beider Kiefer durch. Die zu präparierenden Zähne werden von der Software automatisch ausgeschnitten. Nach der Präparation bleibt mir nur noch das Nachscannen der präparierten Zähne und ggf. das Scannen des Bisses. Das geschieht in 10–20 Sekunden und spart mir sehr viel Zeit.

Präferieren Patienten den digitalen Abdruck, wenn Sie sie in Ihrer Klinik/Praxis vor die Wahl stellen?

Güth: Ja, das stellen wir zunehmend fest. Es wird aktiv danach gefragt, da uns der Ruf einer digitalen Klinik vorauseilt. Allerdings müssen wir von Fall zu Fall kritisch abwägen, ob eine digitale Abformung individuell sinnvoll und möglich ist. Aufgrund des gefühlten Komfortgewinns auf Patientenseite steigt die Nachfrage aber stetig.

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mm
Redakteurin Medizin Zahnmedizin im Deutschen Ärzteverlag, Schwerpunkte: Implantologie, Parodontologie, Endodontologie, digitale Zahnheilkunde.