Nutzen Sie den Scan auch zur Aufklärung und Prävention?

Güth: Vor allem bei der digitalen Implantationsplanung. Die Patienten können so nachvollziehen, warum beispielsweise Augmentationen nötig sind und wo es kompliziert werden könnte, Die meisten Patienten sind beeindruckt von der Visualisierungsmöglichkeit. Bewährt hat sich auch, die Scans für Verlaufskontrollen einzusetzen. Wir haben beispielsweise ein Verfahren entwickelt, mit dem wir Abrasionen oder Materialverschleiß in vivo messen können, und dafür sogar den Wissenschaftspreis der AG Keramik erhalten – das zeigt, dass das Thema brandaktuell ist.

Worum ging es?

Güth: Es ging um die Frage, wie viel Substanz einer Restauration im Mund über die Tragedauer verloren geht. Darüber gibt es noch kaum Daten. Umfassendere Verlaufskontrollen haben das Zeug, mehr Evidenz in die Zahnmedizin zu bringen.

Somit fördert die Digitalisierung die evidenzbasierte Zahnmedizin?

Güth: Richtig, dazu bedarf es aber sicherlich noch weiterer Softwaretools und einer Synchronisierung von Methoden und Verfahren.

Einen Schritt in diese Richtung dürfte 3Shape mit den neuen Softwaretools gemacht haben, die bald auf den Markt kommen.

Fisker: Und wir verfolgen das weiter. Denn aus Hardwaresicht werden sich die Scanner der führenden Anbieter künftig immer ähn‧licher. Unsere Softwarefunktionen und Tools sind zu wichtigen Unterscheidungsmerkmalen geworden. Die Entwicklung ähnelt der des Handymarkts. Das Apple iPhone ist deshalb so großartig, weil es so viele Apps dafür gibt. Diesen Weg gehen auch wir. Die TRIOS-Apps steigern den Nutzen weit über die reine optische Abdrucknahme hinaus – das App-Spektrum reicht vom CAD-Design über die Implantologie bis hin zur Kieferorthopädie.

Welche weiteren Entwicklungen könnten Sie sich vorstellen?

Güth: Möglicherweise werden Intraoralscans künftig nicht mehr nur die Oberfläche des Zahns erfassen, sondern die komplette Zahnstruktur.

Warum sollten sie das?

Schweiger: Weil Zähne mehrschichtig aufgebaut sind. Vor allem im Frontzahnbereich beeinflusst dies entscheidend die Ästhetik. Keramik wird schließlich nur aus dem Grund geschichtet, weil wir damit die Mehrschichtigkeit eines natürlichen Zahns imitieren wollen. Wir haben bereits Patente angemeldet für Verfahren, mit denen Intraoralscanner quasi in den Zahn hineinschauen. Wir wollen dabei beispielsweise die Grenzschicht zwischen dem Dentin und dem Zahnschmelz erfassen, die sogenannte „Dentin-Schmelz-Grenze“. Das ist entscheidend für die Ästhetik des Zahns und auch für die Langlebigkeit und Stabilität eins Zahns. Die Idee ist, mit den Intraoralscansystemen Zähne mehrschichtig aufnehmen und Zahnstrukturdaten zu erstellen. Anhand dieser Daten ließe sich dann patientenindividueller Zahnersatz fertigen. Der Patient bekäme sozusagen seine alten Zähne. Und solche Möglichkeiten bietet die analoge Abformung nicht.

Eine Killerapplikation?

Schweiger: Eine echte Killerapplikation, die für einen flächendeckenden Durchbruch des Scannens sorgen könnte. Denn analog funktioniert das definitiv nicht.

Güth: Und das wäre der Schlüssel zur digitalen Ästhetik, ein echter Paradigmenwechsel.

Wie weit sind Sie da?

Schweiger: Noch ganz am Anfang; wir stellen gerade die Forschungsanträge. Aber ich bin mir sicher, dass solche Applikationen für den flächendeckenden Durchbruch der digitalen Abformung sorgen werden.

Aber noch ist das Zukunftsmusik. Was raten Sie dem Praktiker bereits heute vor dem Kauf eines Scanners?

Güth: Praktiker sollten sich die Frage stellen, was sie mit dem Scanner erreichen bzw. scannen wollen. Anschließend rate ich, unterschiedliche Scanner am Patienten auszuprobieren. Unbedingt sollte auch auf einen guten Support geachtet werden. Probleme entstehen nämlich in der Regel erst nach dem Kauf, wenn in der Praxis mit dem Scanner etwas nicht funktioniert.

Was muss sich an den Hochschulen tun?

Güth: Wir vermitteln unseren Studierenden ein Grundverständnis im Bereich „Digitale Zahnheilkunde“, sodass sie den Umgang mit den neuen Technologien kennenlernen, einschätzen können und in der Lage sind, die richtigen Fragen zu stellen. Ich sehe es derzeit nicht als die Aufgabe der Hochschulen, Studierende zu Spezialisten spezieller Systeme auszubilden.

Was erwarten Sie von der Industrie?

Adamzik: Grundsätzlich sollte künftig ein CMD-Screening in die Softwaretools integriert werden. Denn eine CMD muss quasi sofort ausgeschlossen werden, bevor man Zahnersatz anfertigt. Ein entsprechendes Urteil ist auf dem Weg. Ein Kollege wurde auf Schadensersatz verklagt, weil ein Patient trotz korrekten Zahnersatzes Beschwerden hatte. Der Gutachter führte dies auf eine nicht therapierte CMD zurück (vergl. OLG München, 18. Januar 2017, 3 U 5039/13). Und wie dokumentiert man das am besten? Indem man einen digitalen Datensatz macht.

Herr Dr. Wever, Ihr Fazit nach fünf Jahren Scanerfahrung?

Wever: Alle meine Erwartungen sind erfüllt bzw. übertroffen worden. Wir formen schneller, präziser und für den Patienten angenehmer ab. Nur wer sich mit dem digitalen Workflow auseinandersetzt, erkennt die vielfältigen therapeutischen Möglichkeiten und Einsparpotenziale. Teleskoparbeiten (Abb. 13a–c) lassen sich heute in zwei bis drei Behandlungsterminen herstellen. Die Zweitabdrucknahme mit den Primärteleskopen entfällt gänzlich. Die Primärteleskope fertigen wir aus Zirkonkeramik, und die Galvanosekundärteile werden mit der Tertiärstruktur verklebt. Die Laufeigenschaften sind beeindruckend und müssen nur ganz selten nachgearbeitet werden. Zusammen mit meinem Techniker haben wir einen digitalen Workflow erarbeitet, der es uns erlaubt, eine Schnarcherschiene sowohl in der Abdrucknahme, der Registrierung als auch im Labor komplett digital herzustellen.

Solche Workflows dürften sich doch rechnen …

Adamzik: Ja, dazu kommen die Vorteile des Ganzkieferscans beim Patientenerstkontakt: Im jährlichen Recall lassen sich so Veränderungen nachvollziehen. Die neuen Softwaretools werden das optimieren.

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mm
Redakteurin Medizin Zahnmedizin im Deutschen Ärzteverlag, Schwerpunkte: Implantologie, Parodontologie, Endodontologie, digitale Zahnheilkunde.