Die „rote Ästhetik“

Was das Zahnfleisch alles ertragen muss, lässt sich aus der bekannten Redewendung „auf dem Zahnfleisch gehen“ erahnen. Zudem scheint es bezeichnend, dass der medizinische Überbegriff „Zahnbett“ (klingt wohlig und angenehm) im Laufe der Zeit durch den Begriff „Zahnhalteapparat“ (klingt nach „andauernd in Betrieb“) ersetzt worden ist. Dem Zahnfleisch wurde eine neue Corporate Identity verpasst.

Heute sprechen wir von der „roten Ästhetik“. Forciert wurde der neue „Titel“ durch die Etablierung künstlicher Zahnfleischmassen. Damit verstärkten sich anfangs unsere Befürchtungen, dass das Ausschöpfen der Möglichkeiten einer guten Kooperation zwischen Zahnarzt, Chirurg und Zahntechniker zur Erhaltung respektive Wiederherstellung gesunder natürlicher Gingiva durch eine neue Materialvielfalt abgelöst werden könnte. Kurz: Statt Knochenaufbau und Gingiva­transplantat werden rosafarbene Keramik oder Komposit verwendet. Doch war/ist diese Befürchtung berechtigt?

In der Vergangenheit überschwemmten „Wundermaterialien“ mit Allround-Eigenschaften die Dentallabore. Nach anfänglichen Problemen umgeben diese heute fast schon eine Aura, die dem Zahntechniker das Gefühl gibt, Dinge herstellen zu können, die nahezu unverwüstlich sind. So wurden beispielsweise Gerüstmaterialien eingeführt, die nach dem Fräsvorgang so ästhetisch anmuteten, dass einige unter uns um ihren Job bangten: „ … in Zukunft wird’s die Maschine richten“. Doch was ist auf dem gewohnten Terrain des Zahntechnikers eigentlich geblieben? Wenn wir ehrlich sind, die gleichen Probleme und die gleichen Situationen. Und vor allem noch immer der Mensch als Patient und noch immer der Zahntechniker, der mit den innovativen Materialien umgehen können muss. Es liegt an uns, ob wir uns mit neuen Betätigungsfeldern auseinandersetzen; zur Unterstützung des zeitgemäßen zahnärztlichen Tuns, zum Nutzen der Patienten und letztlich für unsere Zukunft. Vieles, was von der Industrie angeboten wird, erfordert unsere hundertprozentige Aufmerksamkeit und eröffnet zugleich fast schon ungeahnte Möglichkeiten.

Erster Patientenfall: „Was kümmern mich Gingivamassen …?“

Manchmal laufen wir Gefahr, bestimmte Möglichkeiten nicht in Betracht zu ziehen, weil die Hast, der wirtschaftliche Druck sowie die Anforderungen an uns fast täglich größer werden. Als Resultat ergibt sich ein akuter Zeitmangel. Patienten werden nicht mehr ausreichend über die Möglichkeiten aufgeklärt und wir als Behandlungsteam entscheiden, was angemessen sein soll. Diesem Druck zu erliegen, ist genau das, wogegen sich unser Behandlungsteam – Zahnarzt, Zahntechniker und Chirurg – mit allen Mitteln wehrt. Denn das würde bedeuten, keine adäquaten oder außergewöhnlichen Lösungen mehr zu suchen und Kompromisse eingehen zu müssen.

Die gemeinsame Planung und Umsetzung von patientengerechten Lösungen folgt in unserem Team einem konsequenten „Ästhetik-Protokoll“. Dieses hält die Vorgehensweise fest und sorgt für die notwendige Professionalität auf dem Weg zum sanften und übersichtlichen Therapieplan. Gegenseitige Wertschätzung und Vertrauen unter den Teammitgliedern verheißen Erfolg und gestalten zudem die tägliche Arbeit angenehm.

Lesen Sie den vollständigen Artikel kostenlos als PDF-Datei (Erstveröffentlichung BDIZ EDI konkret, Ausgabe 3/2016 ab Seite 100): 

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Ztm. Christian Koczy
Wien/Österreich