Digitale Zahnarztpraxis - Welche Vorteile bringt es Arzt, Labor und Patient, wenn von analog auf digital umgestellt wird? Ein Interview.
Digitale Zahnarztpraxis - Welche Vorteile bringt es Arzt, Labor und Patient, wenn von analog auf digital umgestellt wird? Ein Interview. © Adobe Stock

Dr. Oliver Hugo, niedergelassener Zahnarzt aus Schweinfurt, Spezialist in Implantologie, referierte während des KISS-Symposiums in Kitzbühel zum Thema: „Digidentale Welt – Grenzen und Möglichkeiten digitaler Prozesse in der täglichen Praxis“.
Dr. Alina Ion von teamwork media sprach mit ihm über den State of the Art und die Zukunft der digitalen Technologien in der Zahnarztpraxis. Ein Blick in die digitale Zahnarztpraxis .

Sie sind implantologisch tätig und arbeiten komplett digital in Ihrer Praxis. Wie unterscheiden sich der analoge und der digitale Workflow in der Implantologie, auch hinsichtlich der Planung?

Dr. Oliver Hugo: Gerade im implantologischen Bereich haben wir viele Vorteile durch die digitalen Techniken. Wir haben – und das ist ja nichts Neues – die Möglichkeit, Bohrschablonen über eine Vorplanung am Computer zu erstellen. Das machen wir schon seit 2003 so und es ist für mich nicht mehr wegzudenken. Besonders bei komplizierten und aufwendigen Fällen wird die Planungssicherheit erhöht und die Positionierung der Implantate an der prothetischen Planung ausgerichtet.
Der zweite Aspekt setzt dann genau da an: Wir können über die digitalen Techniken die Prothetik ganz anders anfertigen als früher und das nicht zuletzt auch ökonomischer. Ich habe es vorhin in meinem Vortrag gesagt: Es liegt meines Erachtens ein unglaubliches Wirtschaftlichkeitspotential im prothetischen, digitalen Workflow. Für einen Standort mit hohem Lohnniveau wie Deutschland, ist es sehr wichtig, dass gleichzeitig die Produktivität sehr hoch ist. Nur so kann man die hohen Löhne auch auf Dauer sicherstellen. Die neuen Technologien sind ein Schlüssel dazu! Nebenbei bemerkt kommt dieser ökonomische Vorteil auch in Form von günstigeren Gesamtkosten der Versorgung beim Patienten an und erhöht dabei zusätzlich signifikant den Behandlungskomfort … Denken sie nur an die unbeliebten Abdrücke, die durch Kamerascans ersetzt werden können.

Sie haben die digitale Technologie ganz in den täglichen Praxis- und Laborablauf integriert. Wie zeit- und arbeitsintensiv war die Umstellung auf rein digital?

Ich würde auf keinen Fall jemandem raten, ad hoc von „total analog“ auf „total digital“ umzusteigen. Die einzelnen Prozessabschnitte jeweils für sich genommen erfordern Änderungen im gewohnten Arbeiten. Daher ist es sinnvoll, mit einzelnen Schritten anzufangen und zunächst einen gemischten Workflow zu etablieren. Dann kann man sehen, an welchen Stellen sich Stück für Stück weitere digitale Schritte integrieren lassen. Auch sollte man ein wenig technik-affin sein und Spaß an digitalen Techniken haben, sonst tut man sich unnötig schwer.

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Wie hat sich Ihr Praxisalltag durch den Einsatz des Scanners geändert? Läuft die interdisziplinäre Kommunikation (zum Beispiel mit dem technischen Labor) besser?

Da bei uns das Labor im Haus ist, war die Kommunikation schon immer einfach. Heute ist alles schneller! Der Techniker sieht durch den Scan innerhalb von Minuten die Präparation in Farbe und – meiner Meinung nach – deutlich präziser als auf Abdrücken. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Qualität der Arbeiten sowohl auf zahnärztlicher Seite, als auch im Labor durch die digitale Technik bei uns besser geworden ist. Am Bildschirm sehen Sie zum Beispiel schon direkt am Patientenstuhl Ihre Präparation circa 160-fach vergrößert. Darüberhinaus: Überall spricht man von Cloud-Diensten und -Anwendungen. Es ist heute so, dass wir Daten produzieren, die überall für alle Beteiligten gleichzeitig verfügbar sind. Der Zahnarzt und der Techniker können auf den gleichen Datensatz zugreifen und beide an der Planung aktiv mitarbeiten. Der Zahnarzt ist ab dem Moment, in dem er den Abdruck abgegeben hat, nicht raus aus der Planung und umgekehrt, wenn der Techniker seine Arbeit am Bildschirm konstruiert hat, kann er das Design mit dem Behandler besprechen. Beide können sich besser austauschen. Ich glaube, dass das schon viele neue Möglichkeiten eröffnet. Wir haben das schon mehr als 15 Jahre in der Planung von Implantatschablonen beobachtet: Der Chirurg hat eine andere Sichtweise auf den Behandlungsfall als der Prothetiker, und der wiederum als der Zahntechniker. Wenn alle zusammen aber auf den gleichen Datensatz zugreifen können, kann jeder seine Expertise in die Planung einbringen und das Gesamtergebnis wird besser.

Werden komplexe implantologische Fälle digital besser gelöst?

Auf jeden Fall. Ich habe es in meinem Vortrag gesagt, wir gehen vom optimalen, prothetischen Ergebnis aus und planen schon sehr lange dann „backwards“ die dazu passende Implantatposition. Dazu werden anatomische Strukturen besser geschützt und der Patientenkomfort erhöht sich signifikant. Gerade in der Implantatchirurgie sind schon seit langer Zeit durch digitale Planungssysteme viele Vorteile entstanden.

Digitale Zahnarztpraxis: bessere Behandlung?

Welche Vorteile hat die voll digitale Behandlung, was hat sich bei der Behandlung positiv verändert?

Die Übergänge zwischen der digitalen und der analogen Welt haben in der Zahnmedizin das höchste Potential, Ungenauigkeiten zu produzieren. Daher erscheint es mir sinnvoll, möglichst viele Prozessschritte digital durchzuführen. Wenn man dabei konsequent ist, gibt es deutliche Zeitvorteile am Behandlungsstuhl, einen signifikanten Komfortgewinn für die Patienten und eine insgesamt höhere Genauigkeit und damit bessere Behandlungsqualität. In der Zahnarztpraxis ergeben sich zudem ökonomische Vorteile bei Lagerhaltung und bei Archivierung. Schließlich ergeben sich drastische, wirtschaftliche Vorteile bei der Herstellung des Zahnersatzes im digitalisierten, zahntechnischen Labor. Das alles zusammen erhöht die Produktivität. Wie oben bereits gesagt: Nur eine Erhöhung der Produktivität hilft am Ende dem Standort Deutschland im Wettbewerb mit Niedriglohnländern wie China. Abgesehen davon ergeben sich durch die Einsparung von Material auch noch ökologische Vorteile. Der Komfortgewinn für den Patienten durch die kürzere Behandlungszeit sowie durch den Wegfall herkömmlicher Abdrücke kann auch ein Alleinstellungsmerkmal und ein Marketinginstrument für die Praxis sein.

Nutzen Sie die Monitoring-Tools des Scanners? Wie ist Ihre Erfahrung damit?

Ich nutze sehr gerne die Time-Lapse-Funktion. Dabei werden Scans von verschiedenen Zeitpunkten überlagert, um dem Patienten Veränderungen, wie Zahnwanderungen, Abrasionen oder Rezessionen, sichtbar zu machen. Die Kariesdiagnostik und die HD-Aufnahmen, die beim Scan automatisch mitgemacht werden und die man sich quasi jederzeit in Ruhe auch zuhause ansehen kann, ergeben eine zusätzliche, großartige Dokumentation und einen klaren Mehrwert.

Hat die Anwendung eines Intraoralscanners bei der Arbeit auf Implantaten spezifische Vorteile?

Wie gesagt, ist es vornehmlich die Zeitersparnis und das Weglassen der schmierigen Abformmassen, die das digitale Scannen im Mund für Behandler und Patient so attraktiv machen. Eine intraorale Verblockung von Implantatabdruckpfosten beispielsweise ist bei der digitalen Abformung nicht mehr nötig. Das macht das Handling von Multi-Implantatabformungen wesentlich leichter und genauer. Darüber hinaus hat ein Scanner auch keine Probleme, anguliert stehende Implantate zu erfassen. Hier stoßen herkömmliche Abformverfahren bisweilen oft an ihre Grenzen.

Welche Tipps haben Sie für Kollegen, die auch komplett digital arbeiten möchten?

Nicht so viele Vorurteile gegenüber den digitalen Techniken zu haben. Manche Kollegen sagen: So genau wie meine Abdrücke kann das Digitale nicht sein. Es gibt mittlerweile sehr gute Studien, die zeigen, dass intraorale Scanner den herkömmlichen Abdrucktechniken sogar überlegen sind. Man muss ja immer sehen, dass normalerweise der „ach-so-genaue“ herkömmliche Abdruck zunächst mit Gips ausgegossen, dann gesockelt und gesägt, die Präparationsgrenzen freigelegt und last but not least abschließend im Laborscanner eingescannt werden muss. Dieser so gewonnene Datensatz darf dann gerne in seiner Genauigkeit mit dem direkt durch den IOS gewonnenen Datensatz verglichen werden. Dann ist das ein fairer Vergleich.
Aus meiner Sicht sollte man weniger Vorbehalte haben. Vor allem sollte man sich Stück für Stück herantasten und die Umstellung von analog auf digital Schritt für Schritt angehen, nicht alles auf einmal.

Kann die Entwicklung der Zahnmedizin beziehungsweise der Implantologie Ihrer Meinung nach nur Richtung digitale Zahnarztpraxis gehen oder wird sich die analoge Behandlung noch halten?

Ich glaube, es gibt wenige Bereiche, in denen die analoge Technik unersetzlich erscheint. In der Abformung sehe ich das im Moment beispielsweise bei der mukodynamischen Abformung zur Prothesenherstellung. Das geht einfach auch auf absehbare Zeit wohl nicht mit einem IOS. In der Zahntechnik wird es auch immer häufiger möglich sein, ganz ohne physisches Modell zu arbeiten. Unser Meistermodell ist heute in den allermeisten Fällen der STL-Datensatz in der CAD-Software. Das ist eine große Umstellung für die Techniker, die gewohnt sind, beim Modellieren etwas in der Hand zu halten. Bei manchen Restaurationen kommen wir allerdings nicht um physische – 3-D-gedruckte – Modelle herum: Beispielweise, wenn ich ein Inlay fräsen lasse, dann ist dieses immer an der dicksten Stelle angestiftet, welche meistens am approximalen Kontaktpunkt liegt. Wenn man dann das Inlay nicht mühselig im Mund anpassen möchte, kann man auf ein kleines Modell nicht verzichten. Ich denke, wir werden sehen, dass in Zukunft wahrscheinlich 96 bis 97 Prozent unserer Arbeit außerhalb des Mundes digital sein wird. Eine Sache möchte ich noch ergänzen: Wir haben heute nur wenige Kollegen, die sich gut mit Funktion und CMD auskennen. Wenn wir eine Möglichkeit haben, das Kiefergelenk vollständig digital zu erfassen und diese Information quasi automatisiert in das Design des Zahnersatzes einfließen zu lassen, ist die funktionelle Seite der Zahnmedizin plötzlich viel breiter aufgestellt. Perfekte Funktion würde zum für jeden Zahnarzt erreichbaren Standard werden.

Ich glaube fest daran, dass ein großes Potential in der Digitalisierung steckt, um die Qualität unserer Arbeit zu verbessern.

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