Blick in den großen Saal.
Blick in den großen Saal. © Andreas Berger

Von Alina Ion

„Wir haben die Disputation zum dominanten Format des DGI-Kongresses 2019 gemacht. Im Zentrum standen unterschiedliche Konzepte und Lösungsmöglichkeiten in der implantologischen Behandlung – von der Diagnostik und Therapieplanung bis zur Prothetik. Dies bedeutete Interaktionen und Diskussionen, die den Kongress lebendig und interessant machten. Es ging nicht um den schönsten Fall, sondern um die Begründung für ein Konzept, die Wissenschaft und Praxis verknüpft.“ So erklärte Prof. Dr. Florian Beuer, Vizepräsident der DGI, das Motto „Wettstreit der Konzepte“. Hier der zweite Teil der Zusammenfassung der verschiedenen Konzepte, die jeweils vor mehreren Hundert Zuschauern vorgestellt und diskutiert wurden. Den ersten Teil finden Sie hier.

Session 1: Planung

Die erste Session der Konzeptvergleiche während des DGI-Kongresses in Hamburg wurde moderiert von Prof. Dr. Hans-Joachim Nickenig aus Köln. DGI-Präsident Prof. Dr. Knut A. Grötz aus Wiesbaden referierte über die Möglichkeit von Implantaten beim kompromittierten Patienten, hauptsächlich am Beispiel von Immunsuppression oder Immundefizienz, sei es als medizinisches Therapieziel, als Therapiefolge oder als Folge einer Erkrankung. Da der kompromittierte Patient ein Risikopatient sei, müsse der Behandler gezielt auf die Kompromittierung eingehen. Die Pico-Frage beschäftige sich mit genau diesem Aspekt und lautet: Für welches Subkollektiv der Patienten mit Immunsuppression oder Immundefizienz ist eine Versorgung mit dentalen Implantaten gegenüber dem Verzicht auf dentale Implantate zu erreichen, ohne mit einem unangemessenen Implantatverlust bzw. Komplikationsrisiko einherzugehen? So seien die Implantatüberlebensrate oder die Peri- und Post- OP-Komplikationen wesentlich häufiger anzutreffen im Vergleich zu gesunden Kontrollen. Die Handlungsempfehlungen bei der Indikationsstellung lauteten daher: Ausschluss lokaler oder systemischer Kontraindikationen (und gegebenenfalls interdisziplinärer Dialog) und die Einstellung der immundepressiven Medikation. Vor der Kieferaugmentation sollte also eine strenge Indikationsprüfung stattfinden. Auch sollte der Patient intensiv aufgeklärt werden.

Moderator Prof. Dr. Hans-Joachim Nickenig präsentierte in seiner Einführung verschiedene Fälle von klinischer Relevanz, um die Unterschiede zwischen der analogen und der 3D-Planung darzustellen. Dazu gehörten die Fragen: Ist die konventionelle noch ausreichend? Und: Erzielt man bessere Resultate durch exaktere Kenntnisse der Morphologie? Die digital-basierte Diagnostik helfe bei der idealen Positionierung des Implantats. Durch die Auswertung und Beachtung der anatomischen Strukturen (zum Beispiel die Präparation einer Anastomose) gewinne der Behandler mehr Sicherheit. Die erweiterte Diagnostik bringe neue prothetische und minimalinvasive Konzepte mit sich und vermeide sowohl chirurgische als auch prothetische Komplikationen.

Dr. Karl-Ludwig Ackermann aus Filderstadt stellte die Frage, ob die perio-implantologisch-prothetisch analoge Therapie noch zeitgemäß ist und berichtete über die vergangenen 40 Jahre in der Implantologie. So brauche es eine grundlegende wissenschaftliche Untersuchung, die für die geometrische Ausrichtung der Implantate und den Strukturerhalt und die Weichteilästhetik herangezogen werde. Die orientierte Implantation solle eine ausreichende Alveolarsatzbreite und -höhe bieten und sowohl die Verlängerung der Mittelfissur der mesialen Restzähne als auch die mittige Ausrichtung zur Gegenbezahnung sichern. Er brachte einen Fall aus längst vergangenen Zeiten, bei dem rein analog behandelt wurde. 15 Jahren nach der Behandlung befinden sich Implantate und Suprakonstruktion noch immer im perfekten Zustand. Analog planen und umsetzten sei also durchaus machbar, analoge Systeme funktionierten nach wie vor.

Dr. Georgia Trimpou aus Frankfurt/Main plädierte für die Digitalisierung der Zahnmedizin nach dem Beispiel Industrie 4.0 und Gesellschaft 4.0. Die digitalen Systeme eröffneten neue Behandlungsmöglichkeiten. Sie stellte die These auf, dass die Transformation der Zahnmedizin nur eine digitale Richtung einnehmen kann. Die zahnmedizinische Ausbildung sehe bereits vor, dass schon im zweiten Semester die Studenten digital planen und behandeln, so dass sie dann bereits fit für die Praxis sind. Bei der digitalen Planung sei jeder Prozess eine Säule, die autonom funktionieren könne. Die Vorteile: sie sei in allen Bereichen der Zahnmedizin einsetzbar und ermögliche minimalinvasive Eingriffe durch die Erkennung anatomischer Strukturen, minimiere OP-Traumata, gewähre eine Langzeitevaluation und eine gute Erfolgskontrolle und bringe durch die Archivierung forensische Sicherheit mit sich.
Der Faktor Mensch bleibe aber im Vordergrund, er könne sowohl Fehler machen, aber auch künstlerisch agieren (die ästhetischen Parameter dürften vor allem bei den prothetischen Versorgungen nicht vernachlässigt werden).

Fazit: die Zukunft der Zahnmedizin sei digital. Die jüngere Generation lerne und handele digital. Man müsse aus der Analogie in das Digitale überschreiten, die Kombination der konventionellen und digitalen Behandlung, von der Diagnostik zur Planung, von der Abformung bis hin zur Labside-Herstellung sei aber nach wie vor möglich und wichtig.

Session 2: Implantationszeitpunkt

Unter der Moderation von Prof. Dr. Bilal Al-Nawas aus Mainz wurde über den richtigen Zeitpunkt für eine Implantation diskutiert: Sofortimplantation mit Sofortversorgung versus Frühimplantation. Prof. Dr. Henning Schliephake aus Göttingen zählte anhand unterschiedlicher Ausgangssituationen die Voraussetzungen einer Sofortimplantation auf. Die Ergebnisse einer Sofortimplantation würden im Hinblick auf Strukturerhalt und ästhetisches Ergebnis einer großen Schwankungsbreite unterliegen. Patientenseitig stellten die Dicke und der Zustand der bukkalen Alveolenwand sowie die Weichgewebemorphologie die wichtigsten Einfluss- und Risikofaktoren für die Entwicklung des postoperativen Gewebeverhaltens dar. Einzelne Risikofaktoren könnten durch zusätzliche Maßnahmen wie vestibuläre Augmentation von Hart- und /oder Weichgewebe kompensiert werden. Je mehr Risikofaktoren aufeinanderträfen, desto unsicherer werde die Ergebnisvorhersage. Die provisorische Versorgung habe im Hinblick auf den Strukturerhalt der Weichgewebe vermutlich jedoch nur eine geringe Bedeutung. Sofortimplantationen zum Ersatz von Einzelzähnen unterlägen einem höheren Verlustrisiko als Implantate im ausgeheilten Situs.

Prof. Dr. Daniel Buser aus Bern sprach sich im Gegenzug für eine verzögerte Implantation aus. Da jeder Fall verschieden sei, müsse der Behandler eine detaillierte preoperative Analyse durchführen. Sofortimplantate wiesen ein 20- bis 30-Prozent-Risiko einer mukosalen Rezession auf, wenn sie ohne Berücksichtigung dieser Auswahlkriterien eingesetzt würden.

Wie können hervorragende Langzeit-Resultate erreicht werden? Durch ein Implantat von ausreichender Länge, Durchmesser und Stärke. Das Implantat müsse gänzlich im gesunden Knochen eingebettet sein und sich in keratenisierter Mukosa befinden. Die Langzeitergebnisse zeigten ein stabiles Gewebe bei hoher Patientencompliance.

Fazit: sowohl die Sofortimplantation als auch die verzögerte Implantation erzielen gute Ergebnisse, vorausgesetzt der Behandler achtet auf die erforderlichen Kriterien.

Session 3: Implantatmaterialien

Der Freitagnachmittag setzte sich mit dem kontroversem Thema Implantatmaterialien fort. Zunächst informierte Dr. Kathrin Becker aus Düsseldorf über den Einsatz von Mini-Implantaten zur skelettalen Verankerung in der Kieferorthopädie. Nur etwa 7,8 Prozent der Bevölkerung wiesen eine anatomisch korrekte Dentition auf. 14,2 Prozent wiesen eine milde Malokklusion auf, der Rest brauche eine kieferorthopädische Korrektur. Die kieferorthopädische Therapie erfolge entweder orthodontisch, orthopädisch oder kombiniert KFO/KCH. Die skelettale Verankerung in der Kieferorthopädie wurde Mitte/Ende der 1990er-Jahre eingeführt. Der Oberbegriff „skelettale Verankerung/Implantate in der Kieferorthopädie“ beinhaltet Gaumenimplantate mit rauer Oberfläche, Mini-Implantate mit glatter Oberfläche, Miniplatten oder Mentoplates und kieferorthopädische mitgenutzte dentale Implantate. Die Mini-Implantate fänden eine zunehmende therapeutische Nutzung und Relevanz, die Verankerung damit erweise sich als effektiv und ermögliche eine kürzere Behandlungsdauer. Die Patienten sollten, sofern eine Indikationsstellung gegeben ist, über die Möglichkeit einer skelettalen Verankerung aufgeklärt werden.

PD Dr. Benedict Spieß aus Berlin hielt einen Impulsvortrag zum Thema Keramikimplantate und deren historische Entwicklung. Ist es eine Revolution oder eine Evolution? Da der Einsatz von Keramik sich langsam entwickele und zu der Erfolgs- und Überlebensrate relativ wenig Studien publiziert würden, sei es eher eine ruhige Entwicklung. Die gute Osseointegration und Biokompatibilität versprächen einen Langzeiterfolg, die prothetische Versorgung sei suffizient, funktionell und ästhetisch, die Erfolgsquote sei sehr hoch.

Prof. Dr. Michael Stimmelmayr aus Cham nannte seinen Vortrag „Titan – weil`s gut ist!“ und ergänzte “… oder weil Zirkon schlecht ist?“ Titanimplantate stellten derzeit in der dentalen Implantologie ausnahmslos den Goldstandard dar. Sie seien ausreichend erforscht und es existierten zahlreiche Daten über deren Langzeitprognosen. Zirkonimplantate stellten eine Ausnahmeindikation dar (lediglich bei einer eventuellen Titanallergie). Sie sollten derzeit in der täglichen Praxis nur nach Abwägung aller Vor- und Nachteile und nach ausführlicher Aufklärung über Alternativen eingesetzt werden. Während der zwei Vorträge, die sich hervorragend ergänzten, kamen die Referenten zu dem Fazit: sowohl Keramik- als aus Titanimplantate sind gut in der Praxis einsetzbar, es gibt für beide Materialien Vor- und Nachteile.

Session 4: Suprakostruktion: fest oder herausnehmbar?

Der 4. Wettstreit der Konzepte drehte sich um das Thema Suprakostruktion: fest oder herausnehmbar? Unter der Moderation von Prof. Dr. Stefan Wolfart aus Aachen disputierte Prof. Dr. Hannes Wachtel aus München, der sich für eine feste prothetische Versorgung aussprach, gegen Dr. Detlef Hildebrand aus Berlin, der für eine herausnehmbare Konstruktion plädierte. Pros für die festsitzende Brücke: Verbesserung der Lebensqualität des Patienten, Erhalt vorhandener Zähne, rot-weiß-Ästhetik, gute Langzeitprognose. Kontras: großer Behandlungsaufwand, lange Behandlungsdauer, hohe Kosten. Anhand der Fälle von Irene (zahnlose Patientin) und Herbert (Parodontalpatient) wurden zwei unterschiedliche Restaurationskonzepte dargestellt. In beiden Fällen wurden die Patienten stark in die Therapieplanung eingebunden und in beiden Fällen wurde die Lebensqualität in allen messbaren Parametern gebessert. Sowohl eine zahnerhaltende als auch eine Extraktionstherapie brachten gute und zufriedenstellende Ergebnisse. Die herausnehmbaren Suprakonstruktionen seien meist bei fehlender Patientencompliance indiziert. Favorisiert würden Stege im Oberkiefer und Teleskope im Unterkiefer.

Fazit: beide Behandlungskonzepte bringen Sicherheit, Langzeiterfolge und Zuverlässigkeit mit sich.

Die weiteren Sessions folgen.