Die Referenten des Kieferorthopädischen Symposiums 2020 in Zürich
Die Referenten des Kieferorthopädischen Symposiums 2020 in Zürich

Das Programm, von der Uni Zürich organisiert, umfasste Vorträge renommierter Referenten zum Hauptthema „Die Bewältigung der therapeutischen Herausforderungen beim kieferorthopädischen Parodontalpatienten“, die die Interaktion der beiden Fachgebiete Kieferorthopädie und Parodontologie sowohl aus wissenschaftlicher als auch aus klinischer Sicht analysierten. Das Symposium war in drei Abschnitte aufgeteilt.

Der einleitende erste Teil erörterte die Grundlagen der Mundphysiologie in Bezug auf das kieferorthopädisch-parodontale Zusammenwirken, zum Beispiel die mikrobielle Anhaftung an den Oberflächen der kieferorthopädischen Geräte, die Zusammensetzung des Pellikels und die Epidemiologie der Parodontalerkrankungen.

Der zweite Abschnitt widmete sich der Betrachtung des kieferorthopädischen Patienten aus parodontaler Sicht und umfasste Aspekte der parodontalen Untersuchung bei kieferorthopädischen Patienten, Gingivarezessionen und -transplantationen, die chirurgische Behandlung von Rezessionen, und die Kortikotomie in der kieferorthopädischen Praxis.

Der letzte Teil der Vorträge handelte von den kieferorthopädischen Betrachtungen bei der Behandlung von Parodontitis-Patienten, zum Beispiel Belastungen, die durch die kieferorthopädische Behandlung auf den Zahnhalteapparat ausgeübt werden, die Biomechanik in kompromittierten parodontalen Geweben, über die Kieferorthopädie bei fortgeschrittener Parodontitis und eine Übersicht der Erkenntnisse über die kieferorthopädisch-parodontologischen Wechselwirkungen.

Von Alina Ion

George Belibasakis, Stockholm, wies in seinem Vortrag „Mikrobielle Besiedlung auf kieferorthopädischen Geräten und die Risiken für die Mundgesundheit“ auf die Gefahren bestimmter Mikroorganismen für die orthodontische Behandlung hin. Die Mundhöhle wird von Hunderten verschiedener Arten von Mikroorganismen an verschiedenen Stellen besiedelt. Sie wachsen bevorzugt in polymikrobiellen Populationen zusammen, die als Biofilm oder allgemein als Zahnbelag bezeichnet werden.

Wie bei natürlichen Zähnen können sich Biofilme auch auf kieferorthopädischen Geräten bilden. Faktoren wie Brackettyp und -form, Beschichtung, Klebstofftyp und Rauheit können die mikrobielle Besiedlung beeinflussen. Im Verlauf der kieferorthopädischen Behandlung kann die Biofilmentstehung durch Streptococcus mutans, Laktobazillen und Candida auf den Apparaturen und der Mundhöhle im Allgemeinen begünstigt werden, was einige gesundheitsbezogene Probleme aufwirft.

Säurebildende Bakterien, wie Streptococcus mutans und Laktobazillen können zur Demineralisierung des Zahnschmelzes und zur Bildung von „white spots“ beitragen und damit das Risiko für Karies in Verbindung mit kieferorthopädischen Apparaturen erhöhen. Systemisch gesunde kieferorthopädische Patienten können mit Candida albicans kolonisiert werden, ohne dass eine Candida-Infektion entsteht. Allerdings sind immungeschwächte Personen anfälliger, und in diesem Fall können kieferorthopädische Apparaturen ein erhöhtes Risiko für Pilzinfektionen darstellen. Daher sind eine angemessene Bewertung des oralen und systemischen Gesundheitszustands des Patienten vor der kieferorthopädischen Therapie und eine optimale Mundhygiene unter Berücksichtigung der kieferorthopädischen Apparaturen gerechtfertigt.

Theodore Eliades, Zürich, sprach in seinem Vortrag „Die physikalische Chemie der Integumentbildung auf dem Zahnschmelz: Minimierung der Plaque-Rückhaltefähigkeit der Zähne“ über das in-vivo-Alterungsmuster einer breiten Palette von kieferorthopädischen Materialien, die von Elastomeren und Drähten bis hin zu Brackets reichen. Er zeigte Aspekte dieses Musters sowie die damit einhergehenden strukturellen, kompositorischen, oberflächlichen und mechanischen Veränderungen.

Wenn ein Material einem biologischen System ausgesetzt wird, kommt es auf seiner Oberfläche durch spontane Adsorption von extrazellulären Makromolekülen, die aus Glykoproteinen und Proteoglykanen bestehen, rasch zur Entstehung eines nicht zellulär erworbenen Biofilms. Dieser verursacht einen Konditionierungseffekt, der die Oberflächeneigenschaften des Biomaterials modifiziert, wodurch sowohl die Reaktion der anschließend angehefteten Zellen als auch die an der Grenzfläche zwischen Biomaterial und Wirt auftretenden Wechselwirkungen verändert werden. Dieser Konditionierungseffekt beruht auf der unterschiedlichen Fähigkeit künstlicher Oberflächen, Proteine aus biologischen Flüssigkeiten wie Speichel zu fraktionieren.

Das Ergebnis der Biofilm-Adsorption ist abhängig von der Durchflussrate der biologischen Flüssigkeit an der Kontaktstelle, der Art der beteiligten Grenzflächenwechselwirkungen und der Haftfestigkeit am Substrat. Unter statischen Bedingungen oder bei niedrigen Flussraten ist die Oberflächenchemie des Biomaterials der grundlegende Faktor, der die Zusammensetzung und Organisation der erworbenen Biofilme beeinflusst, während in Umgebungen mit hohen Flussraten auch die molekulare Bewegung und Rauheit der Substratoberfläche wichtige Faktoren sind. Darüber hinaus können bei langen Expositionszeiten Materialeigenschaften wie Porosität, Korrosion und biologischer Abbau die Wechselwirkungen zwischen Biomaterial und Wirt weiter verändern.

Marc Schätzle, Zürich, stellte in seinem Vortrag „Epidemiologie der Parodontalerkrankungen“ zwei interessante parallele Längsschnittstudien der Parodontalerkrankungen beim Menschen vor. Diese wurden zwischen 1969 und 1995 in Norwegen und zwischen 1970 und 1990 in Sri Lanka durchgeführt und ermöglichten die Untersuchung der Entstehung und des Verlaufs von Parodontalerkrankungen in zwei sehr unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Die beiden Gruppen weisen geographische, kulturelle, sozioökonomische und bildungsbezogene Unterschiede auf, und sie stellen Extreme hinsichtlich der Schwere der Parodontalerkrankung, der allgemeinen Gesundheitssysteme und der zahnärztlichen Versorgung dar.

Die Bevölkerung aus Sri Lanka war nie in einem Zahnprophylaxe-Programm. Die norwegische Bevölkerung dagegen genoss ab einem Alter von drei Jahren lebenslang die konventionelle zahnärztliche Versorgung. Mit Blick auf die norwegische Kohorte werden die gesammelten Daten aus dieser Studie über den Beginn und das Fortschreiten der Parodontalerkrankung in einer randomisierten Gruppe von Männern aus der Mittelschicht norwegischer Männer im Alter zwischen 16 und 59 Jahren skizziert. Die Analyse des Risikoverhältnisses zeigte, dass von sechs ausgewählten Hauptrisikoindikatoren die Entzündung des Zahnfleisches das höchste Risiko für den Bindungsverlust darstellt. Zähne, die von entzündungsfreier Gingiva umgeben waren, blieben für ein Zahnalter von 51 Jahren erhalten, während Zähne, die durchweg von entzündeter Gingiva umgeben waren, ein 46-mal höheres Risiko hatten, verloren zu werden. Bei der Norwegischen Gruppe betrug der durchschnittliche Attachmentverlust 0,1 mm jährlich, bei der Gruppe aus Sri Lanka 0,3 mm jährlich.

Giovanni Salvi, Bern, konzentrierte sich in seinem Vortrag “Parodontaluntersuchung des kieferorthopädischen Patienten“ auf die Bedeutung der parodontalen Untersuchung und Therapie bei Patienten, die sich bereits in einer kieferorthopädischen Behandlung befinden.
Parodontalerkrankungen bezeichnen entzündliche Zustände, die durch bakterielle Biofilme ausgelöst werden. Die Ergebnisse von Studien am Menschen haben gezeigt, dass die Beseitigung der durch den Biofilm verursachten Entzündungen und die Einführung von Plaque-Kontrollen durch mechanische Instrumente in fast allen Fällen zu einer parodontalen Gesundheit führen. Dieser Zustand bildet die Grundlage für zusätzliche Therapien, darunter Parodontal- und Implantatchirurgie sowie kieferorthopädische Therapie.

Eine umfassende Planung und Behandlung von Patienten mit Parodontalerkrankungen einschließlich Problemen wie Zahnfehlstellungen und Zahnwanderungen sollte eine systemische Phase mit Anamnese und Beratung, eine Phase der nicht-chirurgischen und, falls erforderlich, chirurgischen Parodontaltherapie, eine Phase mit kieferorthopädischer Therapie und eine Erhaltungsphase mit unterstützender Parodontalpflege umfassen.

Wegen der kurzfristigen Erkrankung eines Referenten musste das Programm ein wenig umgestaltet werden: Dimitris Kloukos, Athen/Bern, übernahm zusätzlich zu seinem Vortrag auch den Vortrag „Kieferorthopädische Zahnbewegung und Entwicklung der Gingivarezession“. Kieferorthopädische Zahnbewegungen können die parodontale Gesundheit durch die Anpassung des Alveolarknochens und des Zahnfleischgewebes unterstützen, sie aber unter ungünstigen anatomischen Bedingungen verschlechtern. Kloukos behandelte in dem Vortrag die Wechselwirkung zwischen Parodontologie und Kieferorthopädie, genauer den Zusammenhang zwischen der kieferorthopädischen Behandlung und der Entwicklung einer gingivalen Rezession. Vier Hauptfragen wurden gestellt:

  • Verursachen die kieferorthopädischen Zahnbewegungen eine gingivale Rezession?
  • Leiden kieferorthopädisch behandelte Patienten langfristig mehr unter einer gingivalen Rezession als unbehandelte Personen?
  • Beeinflusst eine verlängerte fixierte Retention die Entwicklung einer gingivalen Rezession?
  • Wie kann der Parodontologe bei der Prävention der Entwicklung von Gingivarezessionen helfen?
  • Fazit: Aufgrund der hohen Anzahl von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die kieferorthopädisch behandelt werden, ist das Verständnis des Zusammenhangs zwischen kieferorthopädischen Zahnbewegungen und der Entwicklung von Gingivarezessionen sehr wichtig. Eine kieferorthopädische Behandlung als Risikofaktor für gingivale Rezessionen wird nach wie vor kontrovers diskutiert, scheint jedoch als einer von mehreren Faktoren bei der Entstehung gingivaler Rezessionen eine Rolle zu spielen. Einige Studien zeigen eine erhöhte Prävalenz an Gingiva-Rezessionen in der Retentionsphase nach orthodontischer Behandlung, daher sollte ein Parodontologe alle Risikofaktoren berücksichtigen und evidenz-basierte Entscheidungen treffen.

    Weiter setzte sich Kloukos in seiner Präsentation „Zeitpunkt der Weichgewebeaugmentation: vor oder nach der kieferorthopädischen Behandlung?“ das Ziel, die verfügbare Literatur, ob Weichgewebeaugmentation als Prävention oder als Behandlung einer gingivalen Rezession indiziert ist, zu bewerten und zu beurteilen.

    Die Frage, ob die außerhalb der Alveole protrudierten Schneidezähne als Quelle einer gingivalen Rezession betrachtet werden können, wird seit Jahren diskutiert. Obwohl allgemein angenommen wird, dass die Proklination der Unterkieferschneidezähne zu einer gingivalen Rezession führt, gibt es nur sehr wenige klinische Studien, die dies tatsächlich untersucht haben. Die parodontale Prävention von Gingivarezessionen bei kieferorthopädischen Patienten ist ebenfalls widersprüchlich. In der Vergangenheit haben Parodontologen die Gingivaaugmentation empfohlen, um die attached Gingiva wiederherzustellen. Im früheren Konzept war die befestigte Gingiva wichtig, um die Kraft des Muskelzugs und der nicht befestigten Schleimhaut abzubauen. Im Gegensatz zu diesem präventiven Konzept betrachten einige Kliniker diesen Ansatz jedoch als Überbehandlung und ziehen es vor, zu warten, bis die potenzielle Gingivarezession zu einer pathologischen und klinischen Einheit wird. Anschließend kann die entstandene Rezession während oder nach einer kieferorthopädischen Therapie behandelt werden. Daher und trotz der klinischen Erfahrung, dass die Weichgewebeaugmentation der bukkal-lingualen Gingivadimensionen vor der kieferorthopädischen Behandlung eine klinisch sinnvolle Behandlungsoption bei Patienten sein kann, die als Risikopatienten gelten, basiert dieser Behandlungsansatz noch nicht auf soliden wissenschaftlichen Erkenntnissen.

    Das Programm ging weiter mit dem Vortrag von Anton Sculean, Bern: „Behandlung von einfachen und mehrfachen Rezessionen nach kieferorthopädischer Behandlung“. Mit Hilfe von Fallpräsentationen und OP-Videos gab Sculean einen Überblick über die Diagnosestellung und die verschiedenen patientenbezogenen oder chirurgischen Faktoren, die das Ergebnis von Rezessionsbehandlungen beeinflussen können.

    Gingivale Rezessionen sind eine mögliche Komplikation nach einer kieferorthopädischen Behandlung und zeichnen sich aus durch Resorption von bukkalem oder lingualem Knochen, gefolgt von einer apikalen Verschiebung von Weichgewebe. Sie können sowohl im Ober- als auch im Unterkiefer auftreten und können eine adäquate Mundhygiene negativ beeinflussen und dadurch auch die Ästhetik beeinträchtigen. Aufgrund von Schwierigkeiten, eine angemessene Mundhygiene durchführen zu können, kann es in bestimmten Fällen zu einer anschließenden Entzündung kommen. Eine Entzündung der Gingiva in Verbindung mit dem Ziehen starker Bändchen und/oder Muskeln kann zu weiterem Attachmentverlust, Taschenbildung und sogar zu endodontischen Komplikationen führen. Solche Fälle sind am häufigsten im Frontbereich des Unterkiefers lokalisiert und ihre Behandlung stellt eine große Herausforderung für den Kliniker dar. Neuere Daten deuten darauf hin, dass die modifizierte Tunnel-Technik zu einer vorhersehbaren Abdeckung der Rezession und Zunahme der Gewebedicke führen kann. Dies kann auch eine langfristige Stabilität von bis zu acht Jahren gewährleisten.

    Raffaele Spena, Neapel, konzentriert sich in seinem Vortrag „Alveolarkortikotomie als Ergänzung zur kieferorthopädischen Behandlung“ auf die möglichen realen Vorteile der Alveolarkortikotomie für eine kieferorthopädische Behandlung: Reduzierung der Komplexität des erforderlichen biomechanischen Systems, Reduzierung des Verankerungsbedarfs, Verbesserung der Zahnbewegung, Verbesserung der Gesundheit des Parodontiums, Verbesserung der Stabilität, Erhöhung der Akzeptanz der kieferorthopädischen Behandlung durch den Patienten.

    Spena beschrieb die Indikationen, die chirurgischen Protokolle und das kieferorthopädische Management bei der Alveolarkortikotomie. Die erhöhte Geschwindigkeit der kieferorthopädischen temporären Zahnbewegung und die verkürzte Behandlungszeit sind sekundäre Effekte und sicherlich nicht die primären Ziele, wenn die Alveolarkortikotomie mit der kieferorthopädischen Behandlung verbunden wird. Das Periodontium ist für die kieferorthopädische Zahnbewegung unerlässlich. Ein gesunder Zahnhalteapparat ist wichtig für das endgültige okklusale Ergebnis, für die Ästhetik und die langfristige Stabilität jeder kieferorthopädischen Behandlung. Die Möglichkeit, eine positive Reaktion des Zahnhalteapparates auf kieferorthopädische Kräfte zu verbessern und die Modifikationen, die die Zahnbewegung behindern und schließlich den Zahnhalteapparat und den umgebenden Alveolarknochen schädigen können, zu reduzieren oder sogar zu beseitigen, war schon immer ein wichtiger Ansatz der Forschung sowohl in der klinischen Kieferorthopädie als auch in der Parodontologie.

    Pharmakologische Produkte, elektromagnetische Felder, Vibrationen sind einige der „nicht-invasiven“ Versuche. Unter den „invasiven“ Protokollen hat die alveoläre Kortikotomie (mit oder ohne Transplantation) in den letzten zwei Jahrzehnten besondere Aufmerksamkeit erhalten und sich als recht wirksam und zuverlässig erwiesen. Leider sind in der aktuellen Literatur alle möglichen Vorteile dieser Ergänzung einer kieferorthopädischen Behandlung auf die Beschleunigung der kieferorthopädischen Zahnbewegung und die Verkürzung einer kieferorthopädischen Behandlungszeit reduziert worden.

    Christoph Bourauel, Bonn, berichtete in seinem Vortrag „Orthodontische, mechanisch-bedingte Spannungen in parodontal geschädigten Zähnen“ über experimentelle, numerische und klinische Studien zur Bestimmung des biomechanischen Verhaltens des Parodontalbandes im Hinblick auf die langfristige kieferorthopädische Krafteinleitung und die kurzfristige Kaubelastung. Das Desmodont ist eine komplexe Struktur, die aus Fasern, Zellen und Gefäßen besteht. Diese komplexe Struktur führt zu einem nichtlinearen, zeitabhängigen Verhalten. Jüngste Studien haben gezeigt, dass dieses konstitutive Verhalten Veränderungen unterliegt, einerseits unter langfristiger kieferorthopädischer Belastung und andererseits aufgrund von Parodontalerkrankungen. Diese beiden biomechanischen Effekte könnten die Planung der kieferorthopädischen Therapie bei Patienten mit Parodontitis zusätzlich erschweren. Es wurden experimentelle In-vitro-Studien an Ratten-, Schweine- und Humanproben durchgeführt und die Ergebnisse mit numerischen Analysen unter Verwendung von Finite-Elemente-Modellen der jeweiligen Proben verglichen. Klinische in-vivo-Studien wurden in Gruppen von kieferorthopädischen Patienten und Patienten während der Parodontaltherapie durchgeführt, wobei ein neues, selbst entwickeltes Gerät zur Messung des zeitabhängigen Verhaltens der Desmodonts in vivo und zur Überwachung der Veränderungen seines konstitutiven Verhaltens während der Therapie eingesetzt wurde. In Finite-Elemente-Studien wurden typische Überlastungssituationen bei Patienten mit Parodontitis analysiert. Basierend auf den Ergebnissen beschrieb Bourauel die biomechanischen Konsequenzen und verglich sie mit anderen Veränderungen während der kieferorthopädischen Zahnbewegung oder der Parodontitis, wie Veränderungen der Alveole.

    Tali Chackartchi, Jerusalem, erklärte in ihrem Vortrag „Die kieferorthopädische Behandlung bei fortgeschrittener Parodontalerkrankung – Minimierung der Risiken“, dass Patienten, die während der kieferorthopädischen Behandlung ein Risiko für eine parodontale Verschlechterung aufweisen, über die biologischen Grenzen und die klinischen Risiken aufgeklärt werden müssen, wenn eine kieferorthopädische Behandlung bei dem parodontal geschädigten Patienten in Betracht gezogen wird. Sie schlug Arbeitsprotokolle zur Überwindung und Vermeidung möglicher parodontaler Verschlechterung und biologischer Nebenwirkungen vor. Kieferorthopädische Zahnbewegungen sind bei Kindern und jungen Erwachsenen häufig. Das Alter, in dem eine aggressive Parodontalerkrankung bei Erwachsenen beginnt, ist ähnlich dem Alter, in dem sich die Kinder einer kieferorthopädischen Behandlung unterziehen. In den letzten Jahren stieg die Zahl von erwachsenen Patienten, die aus ästhetischen Gründen eine zahnärztliche Versorgung und Parodontalbehandlung wünschen. Darunter sind Patienten mit einer fortgeschrittenen Parodontalerkrankung, die eine pathologische Zahnbewegung als Folge von Entzündungen und Knochenverlust aufweisen können. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass eine gesunde Parodontalgesundheit eine Voraussetzung für eine erfolgreiche kieferorthopädische Therapie ist. Die kieferorthopädische Behandlung muss bei stabiler und gesunder Parodontalgesundheit zusammen mit einem strengen Hygieneschema durchgeführt werden, da sonst ein schneller parodontaler Abbau provoziert wird.

    Carlalberta Verna, Basel, zeigte in Ihrem Vortrag „Kieferorthopädische Biomechanik bei Patienten mit Parodontal-erkrankung“ anhand relevanter klinischer Fälle, dass der biomechanische Ansatz für parodontal kompromittierte Patienten sich von dem der gesunden Patienten unterscheidet. Die einwirkenden Kräfte müssen so niedrig wie möglich gehalten werden, und die Lasten sollten mit wurzelkontrollierten Bewegungen gleichmäßig verteilt werden, so dass die Drehmomente konstant bleiben. Die Behandlungsziele beschränken sich oft auf die Wiederherstellung einer korrekten Okklusion und zufriedenstellende ästhetische und parodontale Ergebnisse, die beibehalten werden können. Das biomechanische System, das zur Erreichung der Ziele notwendig ist, muss etabliert werden. Die aktiven und passiven Einheiten müssen klar identifiziert werden. Das Parodontium sollte einheitlich belastet werden.

    Die Arten der Zahnbewegung, die diese Art der Belastung gewährleisten, umfassen Translation und kontrolliertes Kippen. Um eine Translation zu erreichen, muss die Wirkungslinie der Kraft durch das Widerstandszentrum eines Zahnes oder einer Gruppe von Zähnen verlaufen. Das Moment sollte ausreichend sein, um eine Wurzelkontrolle zu erreichen und ein Drehen der Zähne zu vermeiden, wie es bei der Krafteinleitung auf Kronenebene geschieht. Die Gruppe von Zähnen, die verschoben werden muss, sollte entlang einer in der Planungsphase festgelegten Aktionslinie bewegt werden. Je nach den verschiedenen klinischen Situationen müssen möglicherweise unterschiedliche Handlungslinien geplant werden.

    Spyridon Papageorgiou, Zürich, stellte in seiner Präsentation „Übersicht über die Kieferorthopädische Behandlung und das kompromittierte Parodontalgewebe“ evidenzbasierte Daten aus verschiedenen klinischen Studien über die Wirkung der kieferorthopädischen Behandlung mit festsitzenden Apparaturen auf die Gesundheit des Parodontiums vor und gab Empfehlungen für die klinische Praxis und zukünftige Forschung.

    Die kieferorthopädische Behandlung mit festsitzenden Apparaturen ist zu einem festen Bestandteil der heutigen Kieferorthopädie geworden, ist jedoch mit bestimmten negativen Effekten auf das Parodontium verbunden. Diese Auswirkungen sind im Allgemeinen vorübergehend und verursachen keine dauerhafte Gewebeschädigung. Zu den Auswirkungen gehören erhöhte Plaque- und Blutungsindizes, die Vertiefung der Zahnfleischtaschen, der marginale Knochenverlust und quantitative oder qualitative Veränderungen der oralen Mikroorganismen. Die durch die kieferorthopädische Behandlung verursachten mikrobiellen Veränderungen können auf die plaque-retentiven Eigenschaften der kieferorthopädischen Apparaturen zurückgeführt werden, während die Vertiefung des Gingivaspaltes durch Hyperplasie zusätzlich ein günstiges Umfeld für parodontopathogene anaerobe Bakterien bieten könnte. Insgesamt tragen diese Bedingungen dazu bei, dass die Behandlungsphase mit festsitzenden Apparaturen eine potenzielle Gefahr für die Gesundheit des parodontalen Gewebes darstellt.

    Artikelempfehlungen

    • Behandlungsinstrumente - Klassifikation

      Um periimplantäre Erkrankungen erweitert

      Neue Klassifikation in der Parodontologie

      Erkrankungen können erfolgreich und vorhersagbar behandelt werden, wenn treffende Diagnosen vom (Zahn-)Arzt gestellt werden. Dafür ist eine Klassifikation nötig, die möglichst alle Facetten der Erkrankung in Betracht zieht. Diese Klassifikation für Parodontalerkrankungen ist überarbeitet und um periimplantäre Erkrankungen erweitert worden.

    • Prof. Dr. Bettina Dannewitz

      Mitglieder wählten / Kongress „Ästhetik in der Parodontologie“

      Bettina Dannewitz ist neue DG Paro-Präsidentin

      Prof. Dr. Bettina Dannewitz wurde von den Mitgliedern der DG Paro zur neuen Präsidentin gewählt. Sie übernimmt das Amt für die kommenden drei Jahre. Im Anschluss der Wahl begann die Jahrestagung mit dem Kongress um „Ästhetik in der Parodontologie“.

    Teilen: