Dr. Frederic Kauffmann (li.) und Prof. Dr. Stefan Fickl © A.Barfuß

Die Narbenbildung nach dem Verschluss der Extraktionsalveole zu untersuchen – das ist ein ganz neuer Ansatz: Wie kamen Sie auf die Idee?
Fickl: Wir haben festgestellt, dass es beim Einsatz des freien Schleimhauttransplantats zum Verschluss der Extraktionsalveole zu Einziehungen der Mukosa und zur Narbenbildung kommt. Aufgrund dieser klinischen Beobachtung haben wir die Studie initiiert. Es handelt sich um eine retrospektive Fallserienstudie – wir haben uns auf Frontzahn-Implantatfälle konzentriert. Eingeschlossen wurden 22 Patienten. In 12 Fällen versorgten wir die Extraktionsalveolen mit Bio-Oss und gleichzeitig mit einem Punch-Transplantat vom Gaumen, also mit der klassisch-etablierten Technik. Diese Gruppe verglichen wir mit Fällen (10), bei denen wir die Extraktionsalveole mit Bio-Oss auffüllten und gleichzeitig die Kollagenmatrix Mucograft Seal einnähten.

Ist die Entnahme von autologen Punch-Transplantaten ähnlich invasiv wie die von Bindegewebetransplantaten?
Fickl: Deutlich invasiver, denn bei der Entnahme der freien Schleimhauttransplantate wird das Epithel mit entfernt, so dass eine offene Wunde am Gaumen entsteht. Weil der Volumenerhalt aber sehr gut ist, wird das Verfahren häufig angewendet, auch von uns.

Wie haben Sie es geschafft, die Bildung des Narbengewebes zu messen?
Kauffmann: Das war nicht einfach, denn wir konnten auf keine Vorläuferstudien zurückgreifen. Wir haben einen „Narbenscore“ aus der Dermatologie verwendet und so die Parameter Einziehungen, Länge der Narben und Farbe des Narbengewebes bestimmt. Zusätzlich wurden die Patienten anhand eines Fragebogens zum ästhetischen Outcome befragt.

Wie genau sind Sie dabei vorgegangen?
Kauffmann: Nach endgültiger prothetischer Rekonstruktion haben wir die Größe, Invagination und Farbe der Weichteilnarbe mit einer modifizierten Narbenbewertungsskala, die ursprünglich für Hautwunden entwickelt wurde, ausgewertet.

Und – das Ergebnis?
Fickl: Je mehr autologes Gewebe zum Einsatz kam, desto mehr Narbengewebe entstand. Um die Narbe zu reduzieren, mussten wir „nachbearbeiten“ und das Epithel entfernen. Dies ist nicht nur invasiv und schmerzhaft für die Patienten, es hatte auch häufig nicht den erhofften Erfolg.

Wo genau befand sich das Narbengewebe?
Fickl: An den Transplantat-Nahtstellen. Deshalb nehmen wir an, dass es in der Frühphase der Einheilung der freien Schleimhauttransplantate zu einem Epithel-Tiefenwachstum kommt. Und genau da liegt das Problem: Dieses tief gewachsene Epithel lässt sich in der Spätphase nur sehr aufwendig entfernen.

Und bei dem Verschluss mit Mucograft Seal entsteht kein Narbengewebe?
Fickl: Deutlich weniger. Zudem ist das Arbeiten mit Mucograft Seal weniger invasiv. Man muss eben nicht an den Gaumen gehen. Der Volumenerhalt ist vergleichbar, wie schon die Zürcher Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Ronald E. Jung gezeigt hat. Auch die ästhetischen Parameter nach der Implantatversorgung und der prothetischen Versorgung sind besser. Allerdings – das muss man der Fairness halber sagen – für den Patienten machte das kaum einen Unterschied, wie die Auswertung unseres Patientenfragebogens gezeigt hat.

Ihr Fazit für die Praxis?
Fickl: Weichgewebeaufbau der Extraktionsalveole scheint mit der Kollagenmatrix Mucograft Seal zu einem besseren ästhetischen Ergebnis, einer kürzeren Behandlungsdauer und vor allem geringeren Patientenmorbidität zu führen. Daher ist sie für uns die Therapie der Wahl bei intakten Extraktionsalveolen.

Das Interview ist im BDIZ EDI konkret, Ausgabe 2/2018, erschienen.

Artikelempfehlungen

  • Studie

    Langzeitbehandlungskosten bei aggressiver Parodontitis

    Die Studie demonstriert die jährlichen Behandlungskosten bei einer aggressiven Parodontitis in Deutschland und beschreibt die maßgeblichen Parameter der intensiven Kosten. Gleichzeitig wird die Wirtschaftlichkeit einer Parodontitisbehandlung hinterfragt.

  • NAgP-Jubiläumstagung hebt Erfolg der Parodontologie hervor

    Brauchen wir weniger Parodontologen und Oralchirurgen?

    Bei ihrer 25. Jahrestagung blickte die Neue Arbeitsgruppe Parodontologie (NAgP) auf die vergangenen 25 Jahre des Fachs zurück. Ein Fazit: Die parodontologische Behandlung funktioniert, die Prävalenzzahlen sind rückläufig. Die Referenten blickten auch nach vorne und leiteten zukünftige Implikationen für die Parodontologie ab.

Teilen:
mm
Redakteurin Medizin Zahnmedizin im Deutschen Ärzteverlag, Schwerpunkte: Implantologie, Parodontologie, Endodontologie, digitale Zahnheilkunde.