Im Zahnmobil: Dr. Andreas Zettler behandelt einen Patienten. ZFA Anja Kleinschmidt unterstützt ihn dabei.
Im Zahnmobil: Dr. Andreas Zettler behandelt einen Patienten. ZFA Anja Kleinschmidt unterstützt ihn dabei. © Andreas Berger

Es gibt Menschen, die haben keine Krankenversicherung. Und es gibt Menschen, die auf der Straße leben und sich wegen ihres heruntergekommenen Zustandes nicht in eine Zahnarztpraxis trauen. Sollen sie einfach mit Zahnschmerzen leben? Mit Entzündungen, Zysten, lockeren Zähnen? In Hamburg müssen sie es nicht. Dort bekommen sie Hilfe im Zahnmobil der Caritas, in dem Zahnärzte ehrenamtlich behandeln.

Wir durften das Zahnmobil begleiten. Das passte gut, denn wir wollten auch eine Spende übergeben: 3000 Euro. Das Geld ist durch die Versteigerung unseres Big-Picture-Kalenders zusammengekommen. Genauer: 2300 Euro. Den Rest hat unser Verlag teamwork media draufgelegt. Ohne Spenden würde es das Zahnmobil nicht geben.

Im Zahnmobil: Uwe Gösling (links), Geschäftsführer von teamwork media, besuchte das Zahnmobil in Hamburg und brachte 3000 Euro als Spende mit. Neben Uwe Gösling (von links): Christine Himberger, Leiterin des Zahnmobils der Caritas, ZFA Anja Kleinschmidt und Zahnarzt Dr. Andreas Zettler.© Andreas Berger
Im Zahnmobil: Uwe Gösling (links), Geschäftsführer von teamwork media, besuchte das Zahnmobil in Hamburg und brachte 3000 Euro als Spende mit. Neben Uwe Gösling (von links): Christine Himberger, Leiterin des Zahnmobils der Caritas, ZFA Anja Kleinschmidt und Zahnarzt Dr. Andreas Zettler.

Die rollende Praxis steht an diesem Morgen in der Nähe der Reeperbahn. Dr. Andreas Zettler befreit gerade einen Patienten von zwei Schneidezähnen. Große Kraft muss er nicht aufwenden, um sie aus Knochen und Zahnfleisch zu ziehen. Sie haben den Patienten schon lange gequält, er hatte starke Schmerzen. Extra aus Lübeck ist Dr. Andreas Zettler heute Vormittag nach Hamburg gefahren – also mehr als 70 Kilometer und länger als eine Stunde Fahrtzeit. Ohne Geld dafür zu bekommen. “Ich mache das, weil Menschen Hilfe brauchen, die sonst durch alle Maschen des Systems fallen. Und weil es eine geniale Möglichkeit ist, hier sehr konkret weiterhelfen zu können.” Etwa zwei Stunden wird er Patienten behandeln und dann zurück in seine Praxis nach Lübeck fahren.

Die insgesamt 30 ehrenamtlichen Ärzte haben im Jahr 2019 zusammen mehr als 1000 Fälle behandelt. Eingerechnet sind neben den Patienten im Zahnmobil auch Patienten in der Zahnambulanz. Sie gehört ebenfalls zur Caritas. Was im Mobil nicht erledigt werden kann, zum Beispiel Röntgenaufnahmen, Wurzelbehandlungen, längerfristige Behandlungen, totale Sanierungen, wird mit der Ambulanz aufgefangen, sagt Christine Himberger von der Caritas, Leiterin von Zahnmobil und -ambulanz. Im Mobil selbst, dessen Hauptsponsor Colgate ist, ist akute Schmerzbehandlung möglich, es können Löcher mit Füllungen versorgt und Zähne gezogen werden.

Das Zahnmobil der Caritas in Hamburg.© Andreas Berger
Das Zahnmobil der Caritas in Hamburg.

So wie gerade bei dem Patienten, ein Mann etwa Mitte 50. Er hat die Behandlung überstanden, sitzt seitlich auf dem Behandlungsstuhl und zittert am ganzen Körper. Angst vorm Zahnarzt. Dr. Andreas Zettler setzt sich ihm gegenüber, nimmt seine Hand und spricht mit beruhigender Stimme. Erst, als sich sein Patient nach einigen Minuten ein wenig entspannt hat, lässt Zettler ihn gehen. Draußen warten noch mehr Patienten. Alle wird er heute Vormittag nicht behandeln können. Sie müssen dann am Nachmittag wiederkommen, denn zwischendurch müssen die Instrumente desinfiziert und die Einrichtung für den nächsten zweistündigen Einsatz vorbereitet werden.

Zahnambulanz der Caritas in Hamburg: Hier können Patienten intensiver behandelt werden als im Zahnmobil.© Andreas Berger
Zahnambulanz der Caritas in Hamburg: Hier können Patienten intensiver behandelt werden als im Zahnmobil.

Zahnmobil und -ambulanz sind ausgelastet

Zahnmobil und -ambulanz sind ausgelastet. Bekäme die Caritas dafür mehr Spenden, könnten die Öffnungszeiten erweitert werden, sagt Leiterin Christine Himberger. Dann könnte noch mehr Menschen geholfen werden. Die Zahnärzte arbeiten zwar ehrenamtlich. Die laufenden Kosten seien dennoch hoch. So sind sechs Zahnmedizinische Fachangestellte in Teilzeit angestellt, der Fahrer arbeitet ganztags. Die Technik muss gewartet und hin und wieder ersetzt werden, die Hygieneanforderungen kosten ebenfalls Geld. Der größte Posten ist auch bereits absehbar: Das Zahnmobil ist seit 2008 im Einsatz und in die Jahre gekommen. Bald wird ein neues gekauft werden müssen. Kosten: 200.000 Euro.

Torsten Woelk, Fahrer des Zahnmobils und Fuhrparkleiter.© Andreas Berger
Torsten Woelk, Fahrer des Zahnmobils und Fuhrparkleiter.

Diese Investition lohnt sich, weiß Christine Himberger. Denn das Zahnmobil mache Menschen glücklich. Etliche Beispiele dafür kann sie nennen. Etwa das einer Patientin. “Ein sehr ergreifender Fall. Eine Frau, Anfang 30, hatte keinen einzigen Zahn mehr im Mund, und hat dann hier eine totale obere und untere Prothese bekommen. Und tatsächlich: Zwei Wochen später hat sie in einer Bäckerei eine Stelle bekommen. Solche Geschichten kommen öfter vor. Wenn Leute wieder lächeln können und offener sind und mehr Selbstbewusstsein haben, dann funktioniert auch wieder was im Leben, sie finden Arbeit, eine Wohnung. Das ist für uns gigantisch.”

Aber die Mitarbeiter des Zahnmobils hören von den Patienten nicht nur solch schöne Geschichten. Sie lernen auch Opfer von sexueller Gewalt kennen, von Missbrauch. Einen Trend hat Fuhrparkleiter und Fahrer Torsten Woelk festgestellt: Immer mehr Menschen lassen sich im Zahnmobil behandeln, die einmal selbstständig waren, aber gescheitert sind. Ihre private Krankenversicherung können sie sich nicht mehr leisten, in der gesetzlichen Krankenversicherung wieder aufgenommen zu werden, ist sehr schwierig bis unmöglich. So bleibt diesen Menschen bei Zahnproblemen nur noch der Gang zum Zahnmobil.

Kontakt: Zahnmobil der Caritas in Hamburg
Caritasverband für das Erzbistum Hamburg e.V.
Spendenzweck: „Zahnmobil Obdachlosenhilfe“
Darlehnskasse Münster
IBAN: DE34400602650202020800
Swift-BIC: GENODEM1DKM

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Andreas Berger
Redakteur im Verlag teamwork media.